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Deutschland der völkische Parvenu

PHASE2, Nr. 11/ 2004

„An welche Einheit denkt Wilson eigentlich, wenn er von der Selbstbestimmung spricht? Meint er eine Rasse, ein Gebietsteil oder ein Gemeinwesen? Ohne die Festsetzung einer ganz bestimmten, für die Praxis brauchbaren Einheit bedeutete die Anwendung dieses Prinzips eine Gefahr für den Frieden und die Stabilität [...] Das ganze Wort ›Selbstbestimmung‹ ist mit Dynamit geladen [...] Ich fürchte, daß es Tausende und Abertausende von Leben kosten wird [...] Welch ein Verhängnis, daß dieses Wort je geprägt wurde! Welch ein Elend wird es über die Menschen bringen!“

Robert Lansing, US-Außenminister unter Präsident Woodrow Wilson, über die Erfindung des Selbstbestimmungsrechts im Jahr 1918(1)


„Darum müssen wir allgemeine Menschheitsziele in unseren nationalen Willen aufnehmen.“

Prinz Max von Baden, deutscher Reichskanzler und Ministerpräsident Preußens, Verhandlungspartner von US-Präsident Woodrow Wilson, über Deutschlands Weg zur Weltmacht(2)


Die Außenpolitik Deutschlands, wie es 1871 entstand, begann mit einem Krieg, dem Krieg gegen Frankreich. Kriegerische Gewalt zu entfesseln und das Tötungsverbot aufzuheben, ist eine prekäre, ist die äußerste Verpflichtung nationalen Interessenkampfes zwischen den Staaten. Indem Außenpolitik kulminiert, sobald der Befehl zum Töten ergeht, steht sie am Ende ihrer anderen Mittel, die friedlicher waren. Nicht so in Deutschland. Das Deutsche Reich, das Bismarck erzwang, als er die französische Beute den Fürsten anbot und den Aktienmarkt in Verzückung versetzte, kannte keine anderen Mittel, die dem Krieg vorgelagert gewesen wären. Im Frieden hatten die Fürsten nichts erreicht, jedenfalls keinen deutschen Staat. Deutsche Außenpolitik der ersten Stunde erfuhr an sich selbst, beim Triumph über Frankreich, dass expansive Gewalt die innere Zwietracht zu sedieren versteht und Verhältnisse schafft, für die andere Nationen Jahrhunderte brauchten. Deutschland schien in der glücklichen Lage, mit einem einzigen Sprung, der gewalttätig war, in jene Gruppe der Staaten wechseln zu können, die um Weltherrschaft kämpften. Unerprobt und an keinem Kontinuum erfahren, hat die Außenpolitik des Deutschen Reiches nach 1871 dilettiert, um aufzuholen, gleichzuziehen und binnen kürzester Zeit Avantgarde zu sein. Von der Außenpolitik seiner Konkurrenten begriff das Wilhelminische Deutschland, dass sie skrupellos war um sich Gold anzueignen (in Afrika), Bitumen und Öl (in Arabien), Kautschuk, und Holz (in Asien). Sie wurden dem Reichtum der Armen genommen. Dazu brauchte es Schiffe und Kanonen. Deutschland konnte sie bauen und baute sie auch. Was das Wilhelminische Deutschland fast gar nicht begriff, das waren die Skrupel der Machtkonkurrenz, sobald sie Gefahr lief, von ihren kolonialen Methoden ergriffen zu werden, statt die rohe Gewalt in den Grenzen zu halten, die Imperium und „Mutterland“ trennten. Es war das eine, in Indien auf Bettler zu schießen, das andere in England mit dem Plebs umzugehen. Man konnte im Mekong seine Sklaven ertränken, aber staatliche Morde am Ufer der Seine bedrohten die Ordnung. Wenn kapitale Gewinne aus geronnener Arbeit, aus vielfachem Tod in Vietnam oder Indien, Europa erreichten, so war dies der Weg zwischen Front und Etappe. Wer das eine von dem anderen nicht zu unterscheiden verstand, übertrug die Gesetze des Werteerwerbs in die Werteverwaltung. Ein riskanter Transfer! Denn dort, in Paris und in London, vollzog sich der Zauber, mit dem die nackte Gewalt am stofflichen Ursprung in das Edle mutierte, in die Schönheit der Waren. Aus diesem Prozess alles Rohe zu nehmen, bevor man den Kreislauf aufs Neue begann, wurde lange geübt, war Herrschaftskultur. Die gesetzlichen Regeln der Eigentumsordnung und das raffinierte Geschäft der diplomatischen Corps bewahrten Europa vor dem Durchbruch der Mittel, die ihm anderswo nutzten. Raffinement und europäische Skrupel waren Deutschland zuwider. Sie hätten bedeutet, den Aufholprozess mit Bedacht anzugehen, die Kräfte, die Europa im Gleichgewicht hielten, nicht in Frage zu stellen und den „Platz an der Sonne“ erst nach zähem Verhandeln, nach Schmeicheln und Drohen in Anspruch zu nehmen. Dazu fehlte die Zeit. Unter Druck durch die Börsen und durch das schnelle Fallieren des Frankreichgeschäfts, glaubte der Hof im erstarkten Berlin, er könne Gewinne erzwingen. Man musste skrupellos sein! Man musste die Mittel, die die Machtkonkurrenten in Asien benutzten und die sie sich selbst nicht zumuten wollten, geographisch entgrenzen. Dies war kein Entschluss aus strategischem Denken, sondern folgte der Gier, dem Steigen der Aktien, sobald sich der Kaiser mit der restlichen Welt zu unterhalten beliebte und ihr Prügel versprach: Gott strafe England! Achtung Chinesen! Wir schicken die Hunnen! Vielleicht war es Wahnsinn oder Hypertrophie einer kranken Person; doch verdichtete sie - in preußischer Grobheit und protzender Größe - nur das Grobe des Zustands, in dem sich Deutschland befand - seinen Wandlungsprozess aus agrarischer Wirtschaft in Großindustrie.

Mittel und Zwecke

Das Auswärtige Amt hat diesen Zustand nie reflektiert, aber setzte ihn um. Die amtlichen Maßnahmen schwankten: zwischen roher Direktheit und innerer Hemmung. Da der Rüstungsausbau auf sich warten ließ, suchte man Wege, die Konkurrenten zu schwächen, ohne sie offen mit Gewalt zu bedrohen. Bei der Mittelauswahl war von England zu lernen, insoweit es seine Waffen zu schonen verstand, Eroberungen mit Intrigen begann und zwischen Kasten und Stämmen jeden Widerspruch pflegte, der im Einmarschgebiet Entlastung versprach. Zur Entgrenzung dieses Mittels gehörte die Kenntnis von Stammesfantasmen europäischer Art. Was Frankreich erfolgreich in „Indochina“ betrieb, die Spaltung des Gegners mit ethnischen Waffen, konnte das Amt an den französischen Grenzen, in „Elsaß“ und „Lothringen“, erst recht praktizieren. Mit dem nötigen Abgleich zwischen ethnischen Grenzen und den Grenzen der Staaten war die Fachwelt beschäftigt. Was bei Bökh(3) in Berlin und in Frankfurt bei Lotz(4) als romantisierende Forschung über Sprachen und „Völker“ noch unschuldig tat, wurde später geschärft und ideell überhöht, um dem Amt sowohl die Waffen zu liefern als auch sein Selbstbild, seine Träumergestalt, sittlich zu formen. Ein innerer Auftrag, eine „Sendung“ entstand, wonach die freie Entwicklung der Sprachen und „Völker“ des sofortigen Schutzes der Deutschen bedürfte. Dieser altruistische Umhang wurde existientiell, um den Durchbruch der Gier des erstarkenden Deutschland möglichst gut zu verdecken. Dabei unterlag auch das Amt den Gesetzmäßigkeiten einer solchen Verkleidung: Je heller ihr Schein, desto dunkler ihr Wesen. Die deutsche Entdeckung, dass staatliche Grenzen die Verbreitungsgebiete von Sprachen durchschneiden und die gemeinsamen Mythen, das Herkunftsmilieu der benachbarten Bürger nicht aufheben können, klang anfangs trivial und wurde im Ausland nicht weiter beachtet. Berlin gewann Zeit, diese Waffe zu stählen. Es holte Ratzel(5) ins Amt. Die Theoreme von Ratzel, die mit „Lebensraum“ spielten, vollendeten Böckh um die weltweite Geltung der deutschen Ideen. Sie fügten dem Blut des ethnischen Mittels den Boden hinzu. Jetzt hieß die Losung des Amtes „Volk über Staat“ - ein begrifflicher Irrwitz, der das Herrschaftsobjekt („Volk“) jener Ordnung entzog, die im Zustand des Tauschs und der Stämme begann, um mit Teilung der Arbeit zum höheren Zwang aller Menschen zu werden. Die amtliche Losung vom Flottieren des „Volkes“, das zwischen staatlichen Grenzen selbständig sei, hob die Zwänge nicht auf, die Staatssache sind, war nicht Freiheitsidee, sondern griff in die menschliche Urzeit zurück. Als deutsche Verheißung für die „Völker“ und „Völkchen“ entstanden Ordnungskonstrukte mit barbarischen Zügen („blutliches Volk“), deren wirkliche Ordnung sich Berlin vorbehielt: die Schutzmacht der „Völker“. Damit hatte das Auswärtige Amt einen Ansatz entwickelt, der das koloniale System der Machtkonkurrenten nicht nur entgrenzte; die archaischen Regeln am stofflichen Ursprung des Werteerwerbs, die in Vietnam oder Indien notwendig waren, erklärte Berlin zu Gesetzmäßigkeiten im Staatenverkehr („Volkstumskampf“) und erhob diese Mittel in den Rang von Natur. Mittel und Zwecke stürzten in eins.

Inhalt und Form

Bei einer solchen Legierung Gewichte zu setzen, ist ein innerer Kampf. Er tobt zwischen Kräften, die die Machtgier bestimmt (so dass Pragmatismus das Ideelle verdrängt) und dem Herrschaftsgewissen. Bei starker Legierung wird das Zentrum der Macht auch der ethische Ort sein, an dem die Herrschergestalt die Gewichte tariert(6); wird das Mittel entscheidend, wechseln die Orte - in Zeiten des Notstands kann das täglich geschehen. Zweck-Mittel-Konflikte zwischen dem Auswärtigen Amt und der militärischen Führung (Ludendorff) durchziehen die gesamte Weltkriegszeit. Die innere deutsche Gemengelage hat sowohl Gegner wie Freunde bereits damals irritiert. Glaubten sie eben noch, die ideelle Archaik der „Volkstums“-Programme setze sich durch und das Auswärtige Amt werde Belgien in Stücke zerschlagen, so erklärte Berlin wenig später, es garantiere die Einheit des belgischen Staates (1917/18). Die flämischen Separatisten waren entsetzt; sie hatten dem Amt und dem Kaiser vertraut, der das wallonische „Volk“ den Romanen zuschlug, also den Feinden, während flämisches Blut als „artverwandt“ galt und nach Meinung des Herrschers ohne eigenen Staat „vermischt“ werden würde. Diese Biologismen stellten keine Vorwände dar. Sie waren ernst gemeint gewesen und blieben es auch, nachdem sich Berlin in der belgischen Frage für einen Tributärstaat entschied mit Marionettenverwaltung, Währungsunion sowie deutscher Kontrolle über Häfen und Straßen. Was nach rationaler Machtpolitik aussah, degradierte das völkische Syndrom nur zeitweise, weil mit dem flämischen Separatismus kein Staat zu machen war, wie ihn das Amt als Endziel fixierte - ein großdeutsches Reich germanischer Prägung unter Einschluss ganz Belgiens, das sich „Mitteleuropa“ bis nach Asien erschloss und seine Großmachtgestalt durch Stützpunktsysteme in aller Welt finden würde (Afrika, Lateinamerika). Bei finaler Entblößung der Berliner Herrschaftspläne (Mitte 1918) stellte sich heraus, dass die Zeiten des Umbaus der „Volkstums“-Archaik zugunsten klarer Interessen nur Transitphasen waren, derer Deutschland bedurfte, um den treibenden Inhalt seiner Weltpolitik in noch höherer Form entfalten zu können: als Imperium Germaniae(7), als Akkumulator industrieller Potenz, in dem sich technische Kälte mit den regressiven Momenten seines Ursprungs verband.

Verklumpte Strukturen

Sobald das Endziel unerreichbar wurde und eine Schwächephase begann (1919-1933), kaschierte das Amt die völkische Art seiner Weltherrschaftspläne, indem es die Waffen der Gegner benutzte und auf dem Boden der üblichen Machtpolitik als Gleicher auftrat. In der Weimarer Zeit scheinen Mittel und Zwecke, Inhalt und Form, der deutschen Potenz entkoppelt zu werden. Während Blutstheoreme in privaten Verbänden Aufnahme fanden, gefiel sich das Amt als Wächter von Rechten, die der westliche Sieger zum Ordnungsprinzip der Moderne erhob. Das Stichwort hieß „Selbstbestimmung“. Die von Wilson aufgestellte Losung(8) wird zum Hebel der deutschen Außenpolitik. „Selbstbestimmung“ verlangte sie für ihre früheren Bürger, die als Minderheiten im Ausland lebten (Italien, Frankreich, Belgien, Dänemark, Tschechoslowakei, Jugoslawien) und nach „Selbstbestimmung“ war ihr zumute, wenn sie an alle übrigen Minderheiten dachte. Damit machte sich Berlin jene Ambivalenz zunutze, die das Wesen der „Selbstbestimmung“ ist und von der man bis heute nicht weiss, ob sie „eine Rasse, ein Gebietsteil oder ein Gemeinwesen“(9) meint. Die Warnung des ehemaligen US-Außenministers Lansing, der nicht nur den taktischen Gehalt, sondern auch Komponenten des kolonialen Modells und archaischer Prägung als erster erkannte, blieb unerhört. In die Berliner Forderung nach „Selbstbestimmungsrechten“ ging ab sofort alles Völkische ein, das in Wilsons Prinzipien Entsprechungen fand, aber amtlicherseits nicht erwähnt werden sollte. Diese deutsche Verstellung war nicht reservatio mentalis. Sie war praktisch gemeint. In Genf trat das Amt nach westlicher Art auf, in Berlin spann es Netze, die das völkische Wesen seiner Machtpolitik in Reinform enthielt. Millionenbeträge wurden geschleust, um das blutliche „Deutschtum“ weltweit zu stärken und gegen feindliches „Volkstum“ in Stellung zu bringen.(10) Man gründete Banken, deren einziger Auftrag die heimliche Stützung deutscher „Volksgruppen“ war (in Polen) oder schickte Agenten, die die nordische „Raumnot“ gewaltsam erkämpften (nach Italien). Dies schien nicht genug. Die subversiven Erfolge des „Volksgruppen“-Kampfes in „Deutschtums“-Gebieten versprachen dem Amt einen Machtzugewinn, der noch steigerbar war, sofern sich die Lehre von den blutlichen Rechten auf Autonomie oder Separation ausweiten ließ. Man musste Wilsons Prinzipien für alle einfordern: Für Bretonen in Frankreich, für Waliser in England oder Samen in Schweden „Selbstbestimmung“, „Minderheitenschutz“! Die geniale Idee der Berliner Regierung, die damit an Versuche im Weltkrieg anschloss,(11) führte zur Gründung eines „Volksgruppen“-Bundes mit europäischem Anspruch(12). Nachdem er die Minderheiten mehrerer Staaten aufgestachelt hatte, warnten die Führer des „Nationalitäten-Kongresses“ vor dem Druckpotential ihrer Minoritäten, das sich in Kürze Bahn brechen könnte. Anders gesagt: Die deutsche Außenpolitik, die den Verband zu steuern verstand, drohte mit Krieg. Den Biedermann spielend, war es Stresemann selbst, der die Berliner Agenten der „Volksgruppen“-Ordnung auf europäischer Bühne mit Geldern versah. Statt staatlich umgrenzt und gezügelt zu werden, stieg das völkische Muster auf einen führenden Platz im Amtsarsenal. Der deutsche Entwurf für eine europäische Ordnung nahm Ausmaße an, in denen erkennbare Herrschaftsinteressen und ideelle Strukturen miteinander verklumpten. Die Zweck-Mittel-Legierung, die seit Gründung des Reiches das Wachstum antrieb, befreite das Auswärtige Amt auch in Zeiten der Schwäche vor Hemmung und Skrupeln. Der ideelle Verschnitt beim Kampf um Ressourcen blieb bis zum Ende von Weimar die deutsche Konstante im Staatenverkehr.

Ethos und Machtgier

Auch danach hat das Amt nichts Neues entwickelt. Trotz der Einmaligkeit des staatlichen Terrors erkennt es sich schnell in den Anlagen wieder, die das Nazi-Reich formen und ein fester Bestand seines Amtserbes sind. Es verstärkt und begleitet die nackte Gewalt am stofflichen Ursprung des Werteerwerbs. Es kleidet den Zugriff, bei dem es um Raub geht, in Freiheitsvisionen („Selbstbestimmungsrecht der Völker“). Es zuckt erst zurück, als die koloniale Methode nicht durchschlagend ist und der Akkumulator trotz technischer Höchstform zu stottern beginnt. Die nach 1933 begangenen Verbrechen entspringen dem Wesen der deutschen Außenpolitik, ohne ihr mehr zuzusetzen als die volle Enthemmung der verklumpten Struktur: Okkupation wird zur „Lebensraum“-Ordnung, Ressourcenverteilung zum „Volksgruppen“-Kampf, Mehrwertgewinn aus lebendiger Arbeit zur „Rassen“-Gradierung. Was aus diesen Komplexen in den Vordergrund trat, was zurückstehen konnte, war das Ergebnis von Amtskompromissen, nicht von Prinzipien. Ob man Frankreich zerschlug und in Kleinstaaten teilte („Burgund“) oder großdeutschen Boden an Italien vergab („Südtirol“), entschied sich nach Abgleich zwischen praktischen Zwängen und ethischem Ziel. Es war der ethische Antrieb, der die Legierung zersprengte und den völligen Machtverlust, ja selbst den physischen Untergang des Herrschaftszentrums und dessen Gefolgschaft herbeiführte (8. Mai 1945). Dies erscheint unerklärlich, sofern man vergisst, wie Deutschland begann und das ideelle Syndrom aus den Augen verliert. Für die Konstituierung und Wachstumsdynamik des Großmachtanspruchs war es entscheidend. Es barg zahlreiche Mittel, mit denen das Auswärtige Amt den Gegner verwirrte und subversiv hinterging. Es hatte das Reich zu Siegen geführt. Jetzt war es der Ort, an dem sich die Machtgier mit dem Scheitern versöhnte: „Deutschland wird leben, auch wenn wir sterben müssen.“ „Inzwischen erfolgte der schmachvolle Zusammenbruch des Vaterlandes. Wir blicken in ein trostloses Grab langer, ehrlicher Arbeit, in ein Grab schöner deutscher Hoffnungen [...] In dieser Trauer möge uns etwas vom Idealismus Schillers erfüllen, der dem Dichter die Worte eingab von dem ›großen gigantischen Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt‹.“ Aus der Chronik des Industrie-Club Düsseldorf, 1948 Das Auswärtige Amt versuchte nach 1945 den Eindruck zu erwecken, es habe zwar Fehler begangen, aber für das ideelle Syndrom der deutschen Außenpolitik sei es mehrheitlich nicht in Anspruch zu nehmen. Das Gegenteil ist wahr.(13) Spätestens 1954 begann die förmliche Rekonstruktion des völkischen Ansatzes, der im Verborgenen gepflegt und neu ausgestaltet wurde.(14) Unter Verzicht auf den Antisemitismus der Gosse, aber durchaus mit dem Gossenpersonal(15), spann das Amt erneut seine Netze und suchte nach „Völkern“, die des Schutzes bedurften. Dazu trat mit Beginn der siebziger Jahre die Ratzel'sche Lehre, deren ewiger „Raum“ in „Regionen“ mutierte.(16) Gleichwohl wusste Bonn, dass es äußerer Aufsicht unterstand. Der deutsch-polnische Vertrag des Jahres 1970 deutet völkische Aspirationen nur an(17); zwei Jahrzehnte später spricht der „Nachbarschaftsvertrag“ mit Polen das Völkische offen aus und verwandelt polnische Staatsbürger in eine „deutsche Minderheit“, die Berlin als „Schutzmacht“ betreut, legiert also Mittel und Zwecke. Dazwischen liegt das Ende der staatlichen Teilung und der Durchbruch des Verborgenen. In manifester Gestalt tritt es während des Jugoslawien-Krieges hervor, als das Amt einen „Stabilitätspakt“(18) für Südosteuropa entwirft, der von völkischen Ergüssen geradezu durchtränkt ist. Noch während in Belgrad Bombenfeuer wüten, sorgt sich Berlin nicht nur um den obligaten „Minderheitenschutz“, sondern sieht in Südosteuropa eine „zugespitzte Entscheidungssituation“ heranreifen: die Entscheidung „zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und dem Erhalt der Einheit multiethnischer Staaten“. Was das Auswärtige Amt den Verhältnissen im Balkan zuschrieb und nach dort projizierte, ist sein eigenes Verhältnis zu „Völkern“ und „Staaten“, zu Mitteln und Zwecken deutscher Außenpolitik. Indem sie sich zwischen diesen Polen vor einer Entscheidung wähnt, variiert sie die Lehre vom Flottieren der „Völker“ zwischen staatlichen Grenzen und ist bei Haushofer(19) angekommen. Die Drohung, „Volk über Staat“ stellen zu wollen, ist unüberhörbar. Seit dem Jugoslawien-Krieg aus einer langen Schwächephase befreit, kontrolliert Berlin seine osteuropäischen Einflusszonen mit den verklumpten Elementen aus Machtpragmatismus und völkischem Ethos (Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn, Rumänien) oder dient sich dem Aufbruch des Ethno-Regionalismus im Westen an (Spanien, Großbritannien).(20) Ist die Sezession gelungen (Serbien), kann es im Interesse des Amtes sein, den Bruchzustand in der Schwebe und das „Volkstum“ in Gärung zu halten (Kosovo), so dass die Krisenpermanenz eines Mittlers bedarf: Berlin. Auch außereuropäische Strecken seiner Expansion auf dem Weg zu „multiethnischen Staaten“, denen es die Parzellierung verspricht, legt das Amt mit dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ zurück. Ob als Mittler für das „Selbstbestimmungsrecht“ der Tschetschenen oder als Schutzmacht für Tibet(21): Das Wilson'sche Ordnungsprinzip ist zu einem aktuellen Passepartout für die deutsche Ausbreitung in Asien, Afrika und Lateinamerika geworden. Eingepuppt in die Ambivalenz einer Norm, deren verhängnisvolle Wirkung Robert Lansing als erster erkannte, trifft sich im „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ die allgemeine Barbarei hegemonialer Staatenpolitik mit den barbarischen Besonderheiten eines dieser Staaten. Die latenten Potentiale seines mächtigsten Konkurrenten und Vorbilds hat er wirksam werden lassen und dabei Tausende und Abertausende von Leben vernichtet. Er wird noch mehr Elend über die Menschen bringen: Deutschland, der völkische Parvenue. Hans-Rüdiger Minow Der Autor ist zusammen mit Walter von Goldendach Verfasser des Buches Von Krieg zu Krieg. Die deutsche Außenpolitik und die ethnische Parzellierung Europas (München 1999).

Fußnoten:

(1) Robert Lansing, Die Versailler Friedensverhandlungen. Persönliche Erinnerungen, Berlin 1921.
(2) Denkschrift des Prinzen Max von Baden über den „Ethischen Imperialismus“, abgedruckt in: Reinhard Opitz, Europa-Strategien des deutschen Kapitals 1900-1945, Bonn 1994.
(3) Richard Böckh (1824-1907), Leiter des Städtischen Amtes für Statistik in Berlin, betätigte sich 1871 als Erfinder einer deutsch-französischen Sprachgrenze im Alsace und der Lorraine.
(4) August Lotz, Nervenarzt in Frankfurt a.M., empfahl die systematische Verbreitung der deutschen Sprache, um Europa und die USA zu germanisieren.
(5) Friedrich Ratzel (1844-1904), Leipziger Geograph und Begründer der „Geopolitik“.
(6) Ein weitgehendes Gleichgewicht zwischen ideellen und pragmatischen Aspekten der deutschen Außenpolitik stellte bis Kriegsbeginn Wilhelm II. her. Auch an Wendepunkten der Kämpfe besetzten der deutsche Kaiser und seine Entourage sowohl das machttechnische wie das ethische Entscheidungszentrum, die sich in diesen Personen schnitten. Gegen Ende des I. Weltkriegs zerbrach die Personalunion und es kam zu Funktionsverlusten.
(7) Vgl. Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918, Düsseldorf 1961.
(8) Woodrow Wilson, „Vierzehn Punkte“. Erklärung vom 8. Januar 1918 sowie „Vier Grundsätze“. Rede vom 11. Februar 1918.
(9) Vgl. Lansing, Friedensverhandlungen.
(10) Vgl. Norbert Krekeler, Revisionsanspruch und geheime Ostpolitik der Weimarer Republik, Stuttgart 1973.
(11) Berlin hatte im I. Weltkrieg nicht nur „Befreiungskomitees“ für die russischen Nationalitäten gegründet, sondern auch Waffenladungen für die irischen Aufständischen per U-Boot an die irische Küste gebracht.
(12) „Europäischer Nationalitäten-Kongreß“, gegründet 1925. Minderheiten-Organisation unter deutscher Aufsicht. Vgl. Sabine Bamberger-Stemmann, Der Europäische Nationalitätenkongreß. Nationale Minderheiten zwischen Lobbyistentum und Großmachtinteressen, Marburg 2000.
(13) Vgl. Hans-Jürgen Döscher, SS und Auswärtiges Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der „Endlösung“, Berlin 1987.
(14) Vgl. Walter von Goldendach/Hans-Rüdiger Minow, „Deutschtum erwache!“ Aus dem Innenleben des staatlichen Pangermanismus, Berlin 1994.
(15) Vgl. die Indienststellung antisemitischer NS-Täter wie Theodor Veiter oder Rudolf Stehr.
(16) „Europa der Regionen“. Vgl. die staatliche Regionalisierungspolitik und deren Werkzeug, die „Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen“ (Bocholt).
(17) Vgl. Hans-Rüdiger Minow, Deutsche Ethno-Politik. Kontinuitäten und Entwicklungen, in: Karl-Heinz Roth (Hrsg.), Der Krieg vor dem Krieg, Hamburg 2001.
(18) Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland, Ein Stabilitätspakt für Südosteuropa (Entwurf), in: Walter von Goldendach/Hans-Rüdiger Minow, Von Krieg zu Krieg. Die deutsche Außenpolitik und die ethnische Parzellierung Europas, München 1999.
(19) Karl Haushofer (1869-1946). Begründer der operativen deutschen Geopolitik in Weimarer Zeiten, in der NS-Phase auch als Organisator subversiver Ethno-Aktivitäten für das Amt tätig.
(20) Vgl. zu den aktuellen Praktiken der deutschen Außenpolitik in Ost- und Westeuropa die laufende Berichterstattung des Internet-Dienstes „german-foreign-policy.com“.
(21) Vgl. die völkischen Tibetresolutionen des Deutschen Bundestages von 1996 und 2002.