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Vorwärts durch alles

konkret 01/95, S. 34

Für den Vorabdruck bearbeitete Auszüge aus dem Buch „Deutschtum erwache!“ Aus dem Innenleben des staatlichen Pangermanismus von Walter von Goldendach und Hans-Rüdiger Minow, Dietz Verlag, Berlin (Die Redaktion).

Vieles spricht dafür, daß die chauvinistischen Ambitionen des wieder einmal größeren Deutschland mit Hilfe einer staatlichen Tarnorganisation umgesetzt werden, die bereits Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Regime subversiv zu Diensten war. Heute wie damals arbeitet der angeblich private „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) als Vorfeldorganisation einer hegemonialen Außenpolitik. Von der Bundesregierung finanziell großzügig ausgestattet, hat er zur Zeit vor allem in der ehemaligen Sowjetunion alle Geldkoffer voll zu tun.

„Ein Tabu, das nicht mehr existiert“

Am Montag, dem 12. Februar 1990, erreichte die soeben fertiggestellte Kabinettsvorlage für den Nachtragshaushalt des erst sechs Wochen alten Jahres das Ende des Bonner Ministerienumlaufs. Obwohl Kabinettsvorlagen Chefsache sind und gewöhnlich eine Serie letzter telefonischer Abstimmungen, mittäglicher Änderungsessen sowie vorbeugender Aktenvermerke auslösen, galt an diesem Tag das Interesse selbst routinierter Umlaufempfänger einem anderen, wahrlich wichtigeren Ereignis. Es hatte sich am späten Samstagabend zugetragen, war am Sonntag in den Nachrichten gewesen und nun, schwarz auf weiß, zur Gewißheit geworden: In nebulösen Worten kündigte die Sowjetunion die Löschung der Beschlüsse von Jalta und ihren Rücktritt vom Potsdamer Abkommen an. Die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten verschwand. Die europäische Nachkriegsordnung wankte.

Im Luftzug ihres vorstellbaren Zusammenbruchs sah das politische Bonn die deutsche Teilung in Trümmer fallen. Ein Traum schien wahr zu werden. Seine jahrzehntelang aufgestauten Verheißungen legten sich konkurrenzlos über den Nachrichtenalltag - so auch über jene 27,5 Millionen Mark, die übermorgen, am 14. Februar, im Bonner Kanzleramt dem aktuellen Gesamthaushalt des Innenministeriums zugeschlagen werden und nach dem Willen der Bundesregierung der Unterstützung der „Deutschen in den Aussiedlungsgebieten“ dienen sollten, „die dort Nachteile erleiden“.

Die Etatwidmung unter Ziffer 68401-249 ließ alle prinzipiellen Fragen offen. Vor allem aber barg sie ein Geheimnis, welches im Parlamentarischen Staatssekretär Horst Waffenschmidt, einerseits Privatperson, andererseits Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung, seinen organisierten Ausdruck fand. Dieses Geheimnis legierte die offiziellen mit den unausgesprochenen Interessen des westdeutschen Staates, der beim gerade freigegebenen Sprung von seinen Nachkriegsgrenzen auf kommende Ufer nicht zögerte. Unter Eingeweihten wurde das Geheimnis mit drei Buchstaben abgekürzt: VDA.

Als „Verein für das Deutschtum im Ausland“ unter Ziffer 5543 vom Amtsgericht München registriert, angeblich privat, selbstredend steuerbegünstigt, konnte sich der VDA nach einer langen und verschwiegenen Karriere in diesen Tagen am vorläufigen Ziel seiner Wünsche fühlen. Von der deutschen Öffentlichkeit wurde er so wenig wahrgenommen wie die 27,5 Millionen des Nachtragshaushalts. Dabei hätte ein Blick auf mögliche Zusammenhänge sehr gelohnt - auch wegen der sorgenvollen Überlegungen, die man im westlichen Ausland zur deutschen Vereinigung anstellte. Der Zusammenhang war zumindest optisch offenbar. Zwischen der unscheinbaren VDA-Zentrale im Bonner Vorort St. Augustin, Kölnstraße 76, und Horst Waffenschmidts Hochhausbüro beim Bundesminister des Innern, auf der anderen Rheinseite, bestand an klaren Tagen beinahe Sichtverbindung. Der nahe Kontakt entsprach den materiellen Verhältnissen. Denn zuallererst ihm, dem „Verein für das Deutschtum im Ausland“ wurden die Regierungsmillionen ausgezahlt. Auf VDA-Konten parkten immer größere Steuersummen, bevor sie in Osteuropa weniger „Bleibevorhaben“ als vielmehr strategischen Maßnahmen zugute kamen - merkwürdigen Operationen, die sich „Inselbildung“ oder „Brückenschlag“ nannten und von östlichen Beauftragten, ja von ganzen VDA-Niederlassungen angeleitet wurden.

Der privat auftretende VDA agierte dabei nicht nur in Osteuropa, er arbeitete weltweit: in Belgien ebenso wie in den USA, in Chile nur wenig anders als in Namibia. Mit deutschsprachigen italienischen Staatsbürgern aus Südtirol, mit Österreichern und Dänen waren seine Führungszirkel alldeutsch besetzt. Seine Analysen der regionalen Wirtschaftsverhältnisse konnten deutschen Unternehmen nutzen, seine Pflege einflußreicher Gesellschaftsbeziehungen bei der Spionage deutscher Auslandsagenten hilfreich sein. Aus dieser vielschichtigen, vorgeblich privaten, jedenfalls höchst staatstreuen Tätigkeit erwuchs die Erklärung für den vermeintlichen Verzicht der deutschen Regierung („Entscheidung zum Verbleib in den Aussiedlungsgebieten unterstützen“) auf ihre potentielle Aussiedlerklientel: Würde diese innerhalb der deutschen Grenzen nur sozialen Sprengstoff anhäufen, so konnte sie außerhalb die Grundlage weltweiten Handelns sein. Abgewandelt betraf dies sämtliche Auslandsdeutschen, die in anderen Staaten als Minderheiten lebten, nach ungesicherten VDA-Zählungen 15 bis 20 Millionen. Mit dem größeren Deutschland, das man immer erhofft und seit der Moskauer Perestroika für möglich gehalten hatte, sollte auch das Beziehungsgeflecht wachsen, welches diese Deutschen in aller Welt verband. Herkunftsbewußt, aber unter Anpassungsdruck wie jede Minderheit, empfanden sie ihre politische Lage oft als prekär und wünschten sich die Protektion ihrer einstigen Heimat. Zwischen ihnen und dem deutschen Staat brauchte es einen balancierenden Mittler, der als privat auswies, was offiziell nicht gewagt, weil diplomatisch folgenreich werden konnte. Mit anderen Worten: Man bedurfte einer erfahrenen Tarnung für die auswärtige Minderheitenpolitik. In dem wie zufällig bereitstehenden „Verein für das Deutschtum im Ausland“ war zum Abschluß der Maßnahme nur noch ein lebendiges Scharnier einzusetzen, damit die staatliche Kontrolle allzeit gewährleistet blieb - eine Person wie Dr. Horst Waffenschmidt war vonnöten.

Im Oktober 1989, die Mauer hatte bereits Risse, begann der Parlamentarische Staatssekretär, die höheren Ränge des VDA zu erobern. Vorgeblich nur als Privatmann wurde Waffenschmidt umstandslos in den VDA-Verwaltungsrat gewählt, wo ihm die Finanzen offenlagen - neben nicht unbedeutenden, aber vergleichsweise geringfügigen Beträgen der 18.000 Vereinsmitglieder und Förderer Millionensummen aus dem Etat für die Auslandsdeutschen. Da diese Mittel u. a. dem Bundesministerium des Innern entstammten, verwaltete der Privatmann Waffenschmidt in seiner Freizeit Vereinsgelder, die er in seiner Arbeitszeit als Aussiedlerbeauftragter eben jenem Verein zukommen ließ - eine mehr als merkwürdige Interessenkollision, die den Staatsanwalt hätte auf den Plan rufen müssen, wäre es nur um die juristische Person Waffenschmidt gegangen. Daß davon keine Rede sein konnte, ergab sich aus anderen Überschneidungen zwischen VDA, Bundesregierung und deutscher Ministerialbürokratie. Auffällig häufig entwickelten 1989 hochrangige Mitglieder des Auswärtigen Amtes eine Vorliebe für den Deutschtumsverein, ganz als wollten sie - ihre engen beruflichen Verbindungen wie zufällig verlängernd - einander unbedingt bei VDA-Treffen begegnen. So nahm der Legationsrat 1. Klasse und Referent des Historischen Archivs des Auswärtigen Amtes, Dr. Ludwig Biewer, im obersten VDA-Gremium an der Seite von Horst Waffenschmidt Platz. Biewer mußte nicht lange nach Angehörigen des Auswärtigen Amtes suchen. Gerade in seine neue Funktion gewählt, traf er im VDA auf Dr. Barthold Witte, eine ihm dienstlich wohlbekannte Persönlichkeit des Auswärtigen Amtes, die dem Verein programmatisch die Zukunft wies. Witte, Abteilungsleiter für auswärtige Kulturpolitik, gab im Oktober 1989 zu VDA-Protokoll, daß der außenpolitischen Rücksichtnahme auf die NS-Zeit nun endgültig die Stunde geschlagen habe: „Die Deutschen im Ausland - ein Tabu, das nicht mehr existiert“.

Eingedenk dieser Wegweisung leistete im VDA-Verwaltungsrat auch Dr. Karl-Heinz Hornhues Arbeit, mit Witte und Biewer gut bekannt durch seine Tätigkeit im Ausschuß „Auswärtige Kulturpolitik“ des Bundestages, jener parlamentarischen Institution, welche die zum VDA weisenden Ministerialbeziehungen im Auswärtigen Amt eigentlich hätte für auffällig halten müssen. Doch statt Kontrolle herrschte Personalidentität. Zwischen VDA und Auswärtigem Amt waren offenkundig ähnliche Fäden gezogen, wie sie auch zu Waffenschmidt und dem Innenministerium reichten. Dieser inneren Verknüpfung der Behörden stand die VDA-Mitgliedschaft zumindest eines Bundesministers zur Seite, des stets sympathisch lächelnden Leiters des Bonner Bundespresseamtes, Hans Klein. Und der wiederum wußte an höherer, an sozusagen allerhöchster Stelle ebenfalls einen VDA-Förderer sitzen: im Amt seines sudetendeutschen Landsmanns Horst Teltschik den Bundeskanzler Helmut Kohl. Wer wollte bei solchem Gleichklang zwischen VDA, Bundesregierung und Ministerialbürokratie den privaten Charakter des Vereins noch für glaubhaft halten? Privat waren allenfalls die wirtschaftlichen Interessen der in den VDA-Reihen wirkenden Industrievertreter von Rodenstock bis Heitkamp. Ansonsten funktionierte der VDA als ein staatliches Instrument deutscher Außenpolitik, gleich, wie man diese Funktion tarnte, juristisch verbrämte und gegenüber dem Ausland im unklaren ließ.

Die Vernebelungsmethode hatte in Bonn Tradition. Immer wieder benutzte der Regierungs- und Ministerialapparat Vereine als Deckmäntel, unter denen amtlich verborgene Absichten finanziert wurden, wie sie zum Beispiel das Bundesverteidigungsministerium verfolgte. Aber die deutsche Öffentlichkeit behandelte diese Übergriffe mit dem sportlichen Amüsement, das bei Verkleidungskomödien angebracht wäre, statt einen grundsätzlichen Angriff der staatlichen Macht auf die gesellschaftliche Sphäre zu erkennen. Wenn nicht mehr zu identifizieren ist, wo die regierenden oder verwaltenden Interessen auf das öffentliche Leben einwirken, ja wenn man befürchten muß, die Gesellschaft sei durch vermeintlich staatsferne Organisationen amtlich gesteuert, wird sich die Gewaltenteilung in behördliche Willkür auflösen: So etwa hatte die Nachkriegslehre gelautet, die von den Alliierten der westdeutschen Öffentlichkeit ins Stammbuch geschrieben worden war. Seitdem trieben bundesdeutsche Ministerien mittels unzähliger Deckadressen ihr Unwesen, ohne daß es gelang, nach dem jeweils letzten Enttarnungsskandal eine Wiederholung auszuschließen.

Und doch unterschied sich der Einsatz des VDA von allen anderen Fällen staatlicher Tarnarbeit, die außerhalb der Geheimdienste in der Bundesrepublik vonstatten ging: Die Täuschung richtete sich nicht vorrangig gegen die deutsche Öffentlichkeit, sie zielte auf Interessen jenseits der Grenzen, wo Deutschland, am Vorabend seiner kommenden Größe, auf vielerlei Möglichkeiten vorbereitet sein wollte. Das Tabu der auswärtigen Minderheitenpolitik, hatte Ministerialdirektor Witte vor dem VDA gesagt, existiere nicht mehr. Aus dem Munde des Mannes aus dem Auswärtigen Amt klang diese Entgrenzung deutscher Vergangenheit wie ein Fanfarenstoß. Er rief zur Neubestimmung der deutschen Rolle in der Welt, und wie schon mehrmals in diesem Jahrhundert sollte dem VDA die Verstärkung, den Auslandsdeutschen das Echo obliegen. Bundesregierung und Ministerialbürokratie nahmen hin, daß die Aufdeckung ihrer VDA-Option weltweite Erinnerungen wachrufen würde, die mit dem identischen Namenskürzel „VDA“ verschmolzen waren: an Subversion und Verbrechen in der Tschechoslowakei und in Polen, in Rumänien und der UdSSR, in den Niederlanden, Frankreich und in den USA - überall, wo sich der deutsche Nationalismus deutscher Minderheiten bedient hatte, um im Schatten ihres angeblichen Schutzbedürfnisses seine internationalen Herrschaftsansprüche auszubreiten. Vierzig Jahre nach der von Deutschen verursachten Katastrophe nunmehr erneut und unter der identischen Bezeichnung im Ausland getarnte Minderheitenpolitik zu betreiben, dies war eine gesteigerte Qualität des neuen Bonner Machtbewußtseins.

Abgesehen von der nur taktisch korrigierenden FDP fand sich keine Opposition zu seiner Mäßigung. Glaubten weite Teile der Sozialdemokratischen Partei, bei der Verhinderung auslandsdeutscher Masseneinwanderungen gehe es lediglich um die soziale Stabilisierung der Bundesrepublik, so hielten die Grünen das Thema für erledigt, sofern ihre Sorge um die Einschleusung konservativer Wählerstimmen aus Osteuropa beruhigt wurde. Die Regierung tat ihnen (vorläufig) den Gefallen, ebenso wie sie die SPD mit dem durchsichtigen Versprechen einband, an einem staatstragenden Konsens teilnehmen zu dürfen. Ohne daß den Beteiligten der parteiübergreifenden Interessenkoalition ihr eigener Anteil ins Auge fiel, förderten sie gemeinsam den Durchbruch einer über Jahrzehnte rekonstruierten Handlungsvariante nationalistischer deutscher Außenpolitik.

Vor einer überdimensionierten schwarz-rot-goldenen Fahne sitzend und auf der Büroablage einen pietistischen Sinnspruch im Blick („Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“), konnte Horst Waffenschmidt den Kabinettsentscheidungen am 14. Februar 1990 beruhigt entgegensehen. Die Gesetzesvorlage war wasserdicht. Gemeinsam mit den Herren vom Auswärtigen Amt ließ sich der VDA-Abschlag, informell als „Bleibehilfe“ bekannt, im Nachtragshaushalt unschwer vertreten. Die Zusatzmittel in Höhe von 27,5 Millionen Mark steigerten den Gesamtbetrag der Etatziffer 68401-249 auf insgesamt 43 Millionen. Auch das Auswärtige Amt zahlte seinen Teil. Aus der gemeinsamen Summe würden Dutzende Millionen in VDA-Projekte nach Osteuropa fließen, wo die deutschen Minderheiten, an strategischen Orten konzentriert, ökonomisch neu gegliedert und politisch verpflichtet, der zukünftigen Bonner Steuerung harrten. Horst Waffenschmidt, Parlamentarischer Staatssekretär und Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung, konnte dem Verwaltungsratsmitglied des privaten „Vereins für das Deutschtum im Ausland“, ebenfalls Horst Waffenschmidt, herzlich gratulieren.

„Unter Führung Deutschlands“

Als im Morgengrauen des 1. September 1939 deutsche Soldaten polnische Grenzbarrieren in den Boden rammten und von Norden, Süden und Westen auf Warschau zumarschierten, wurde der neue VDA-Vorsitzende von geopolitischen Hochgefühlen übermannt. Die Eröffnung des zweiten Krieges, den Deutschland binnen weniger Jahrzehnte gegen den Rest der Welt zu führen gedachte, begrüßte Karl Haushofer, der Intimfreund des Hitler-Stellvertreters Heß, als Heldengang „von selten erhörter Größe, Weltweite und Wucht“. Die Vernichtung Polens, zu der die UdSSR ihre Zustimmung gegeben hatte, würde nur der Anfang sein. Endlich konnte die vom VDA seit Jahrzehnten geforderte Rassenpolitik auf dem Territorium des europäischen Ostens in die Praxis umgesetzt werden.

Um das Stammgebiet der pangermanischen Berufung systematisch zu erschließen, erließ das „Rassepolitische Amt der NSDAP“ unmittelbar nach Kriegsbeginn Richtlinien über die „Behandlung der Bevölkerung der ehemaligen polnischen Gebiete nach rassepolitischen Gesichtspunkten“. In ihnen rangierte der Reflex auf die ewige deutsche Untertänigkeit an erster Stelle: „Bei allen Maßnahmen zur Besiedlung der neuen Ostgebiete ist zunächst zu berücksichtigen, daß sich das Deutschtum dieser Provinzen als die natürliche Herrenschicht dem Osten gegenüber empfindet.“ Aber nicht jeder dem „Deutschtum“ Angehörige war berechtigt, der Staatsangehörigkeit des Reiches teilhaftig zu werden. Damit die „natürliche Herrenschicht“ von minderwertigen Einflüssen gereinigt würde, mußte sie sich die Einordnung in vier Merkmalsgruppen gefallen lassen. Für Gruppe 1 waren Nationalisten und Nationalsozialisten vorgesehen, für Gruppe 2 Personen, die „ihr Deutschtum bewahrt“, jedoch als nationale Kämpfer nichts vorzuweisen hatten. Angehörige dieser Gruppen durften die sofortige deutsche Staatsangehörigkeit beanspruchen. Wer hingegen der 3. Gruppe zugeschlagen wurde, mußte sich erst bewähren, da er zwar über „deutsches Blut“ verfügte, aber wegen zu großer Anpassung an seine polnische Lebensumgebung auffiel. Ihm wurde die deutsche Staatsangehörigkeit auf Widerruf verliehen. Angehörige der 4. Gruppe galten als eingliederbar, obwohl sie sich „mit fremdem Volkstum stark eingelassen“ hatten, sofern eine Zwangseindeutschung absolviert wurde. Bei Widerstand oder offenkundiger Rassefremdheit war für Personen der Gruppe 4 Deportation in ein Konzentrationslager vorgesehen.

Die blutspolitische Klassifizierung nach diesen Grundsätzen der „Deutschen Volksliste“ rundete den rassistischen Charakter des „Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes“ von 1913 ab, differenzierte das „Reichsbürgergesetz“ von 1935 und erfüllte die Anforderungen, die der VDA stets an das von ihm vertretene „Deutschtum“ gestellt hatte. Rasserein thronte es über seinen Sklaven, über jenen, die nicht einmal der Kategorie 4 würdig waren: Polen und jüdische Bürger gleich welcher Staatsangehörigkeit. Die Menschen, deren Land die deutschen Armeen überfallen hatten, beschied das „Rassepolitische Amt“ der NSDAP: „Assimilierte Polen, selbst dann, wenn sie zuverlässig deutsch erscheinen, sind grundsätzlich vom Broterwerb ausgeschlossen.“ Der Broterwerb war jenem „Deutschtum“ vorbehalten, das der VDA von Anbeginn in eine nationalistische Frontstellung gebracht hatte und das er nun zur Germanisierung Polens bereithielt. „Neben den aus dem Reich nach Osten kommenden oder zurückströmenden Schichten ist mit Siedlern zuerst aus den Kreisen der Baltendeutschen und der Deutschen aus Restpolen und den zu Rußland gekommenen Ostgebieten zu rechnen ... Aus Nordamerika wird es sich dabei hauptsächlich um solche Deutsche handeln, die selbst aus Ostdeutschland oder Osteuropa stammen ... Eine größere Rückwanderungswelle ist aus Kanada zu erwarten. Aus Südamerika liegt bereits die Nachricht vor, daß eine große Anzahl von Rußlanddeutschen aus Argentinien den Wunsch hat, in Neu-Ostdeutschland angesiedelt zu werden.“

Die Daten für den geplanten Menschentransfer konnten bei der vom VDA reorganisierten „Hauptstelle für auslandsdeutsche Sippenkunde“, spezielle Informationen über Nordamerika bei dem USA-Spezialisten des VDA abgefragt werden. Die Pläne sahen vor, insgesamt 6,6 Millionen Polen aus den einverleibten Gebieten zu vertreiben und 1,5 Millionen Menschen „umzuvolken“. Es war folgerichtig, daß damit die pangermanische Organisation des SS-Führers Himmler betraut wurde, der ab sofort als „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“ zeichnete. Spätestens jetzt offenbarte die großdeutsche Rassenlehre die ihr innewohnende Handlungsenergie: Die „großen Kriegszüge gegen die Slawen“ begannen. Über „die volksdeutsche Rückwanderung und Umsiedlung“ äußerte sich Himmlers Arbeitsstab im Ton unüberbietbaren Größenwahns: „Bei der zur Zeit in Gang befindlichen Umsiedlung handelt es sich um die gewaltigste staatsgelenkte Völkerwanderung aller Zeiten.“ Ihr lag die geopolitische Anschauung zugrunde, „daß ein Recht auf denjenigen Boden bestehe, den ein Volk zu bebauen in der Lage sei, und daß ein Volk das Recht habe, den Boden in Einklang zu bringen mit seiner Bevölkerungszahl“.

An den Folgen dieses vorgeschichtlichen Rechtsguts arbeitete Max Hildebert Boehm. Erst VDA-Rechtsextremist im Dienst des Weimarer Außenministeriums, im NS-Staat mit einer „fremdvölkischen Parasitenschicht“ und der „Judenfrage“ beschäftigt, machte sich Boehm Gedanken über die „Massenumvolkung“ oder „Umschmelzung“. In der Werkstattsprache verdinglichter Menschenverachtung begrüßte Boehm die „Umsiedlung von Volkssplittern zur Bereinigung der Völkerbeziehungen“ und wünschte den auslandsdeutschen Kolonisten „gemeinsames Kampferleben ... im Schoße der alten Urväterheimat“, wo sie „Volksgenossen im großen Reich“ werden sollten.

In Erwartung weiterer Eroberungen ging der zu dieser Zeit „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ genannte VDA auf die Suche nach europäischem Personal, mit dem sich die zukünftigen Herrschaftsgebiete unter Kontrolle halten ließen. Dabei stieß der VDA-Geschäftsführer Minke auf die „schon absolut großgermanisch denkenden Führer“ verschiedener Nationalitäten, die einem deutschen Europa nicht abgeneigt waren. „Wir haben so starkes Vertrauen bei diesen geistigen und politisch schöpferischen Köpfen Skandinaviens, Hollands, Flanderns, Luxemburgs, Lothringens, Burgunds, Elsaß und der deutschen Schweiz, daß sie sich in den Aussprachen mit uns ganz erschlossen und von kleinerem staatlichen oder großniederländischen Denken zu großgermanischem Denken ausweiten ließen.“

Bei der Jahrestagung des VDA im Oktober 1940 fielen für einen kurzen Augenblick einige Schlaglichter auf dieses Netz, das Hans Steinacher, der erste VDA-„Reichsführer“, im Vorkriegsdunkel diverser „Botenfahrten“ seiner nationalsozialistischen Zwischenträger geknüpft hatte. In ihm zappelten Vertreter deutschstämmiger Minderheiten mit französischem, niederländischem, dänischem oder jugoslawischem Paß. Jetzt führte der VDA seinen weiterhin verdeckten Auftraggebern im Auswärtigen Amt und in Himmlers SS die internationalen Kollaborateure der zukünftigen germanischen Herrschaft vor: „die gesamten Volksgruppenführer des Südostens, jene erwähnten Vertreter des Westens und des Nordens und eine entsprechende Elite des Ostens ... mit einem einmalig großen und stolzen Kreis des Großreichs“. Selbst „wenn es kein Deutschtum im Ausland mehr geben sollte, das noch draußen zu betreuen oder heimzuführen ist“, wagte Karl Haushofer schon einen Blick in die fernere VDA-Zukunft, gelte es, „diesen Schatz von außeramtlicher (!) Erfahrung gebrauchsfertig und lebendig“ zu erhalten. Den „Volksbund“ sah die Führungsspitze zu einem „Großgermanischen Kampfbund“ wachsen, dessen Leitruf durch „die Vereinigten Staaten Europas unter Führung Deutschlands“ erschallen sollte: „Vorwärts durch alles“. Noch „vor den endgültigen Schritten zur Aufrichtung des großen neuen Volksverbandes“ bat Karl Haushofer um ein vertrauliches Gespräch beim „Reichsführer SS“, dessen pangermanische Phantasien die Legenden der Geschichte nachvollzogen: „Nach dem Großdeutschen Reich kommt das germanische Reich, dann das germanisch-gotische Reich bis zum Ural, und dann vielleicht dazu auch noch das gotisch-fränkisch-karolingische Reich.“

Himmlers befremdlich erscheinende Vorstellungen variierten nur unwesentlich, was vor ihm längst andere entwickelt hatten. War die Rassegrundlage deutschen Herrschaftsverlangens von sämtlichen VDA-Vorständen gepriesen worden, so kannte man die in Aussicht genommenen Territorialbesitzungen aus den Kriegszielforderungen der kaiserlichen Armee. Der VDA hatte ein Europa unter deutscher Führung bereits im 19. Jahrhundert gefordert. Himmlers Pangermanismus bündelte jenes Material, das seine Urheber von Generation zu Generation durch die deutsche Geschichte trugen. Bei den vertraulichen Gesprächen mit Haushofer herrschte Übereinstimmung.

„Eine deutsche Untergrundbewegung“

Nachdem das US-State Department 1943 zu dem Schluß gekommen war, beim „Verein für das Deutschtum im Ausland“ handele es sich um eine „pseudo-independent agency“, die von „Pan-Germanists“ gesteuert werde, verboten die Alliierten den VDA mit Gesetz Nr. 2 vom 10. Oktober 1945. Nicht einmal zwei Jahre später betrieben die VDA-Führer den Wiederaufbau der Organisation und konspirierten ab 1949 mit den Spitzen des Bonner Staates.

Im Sommer 1952 konnten die Vorbereitungen abgeschlossen werden. Das erste große VDA-Treffen der Nachkriegszeit wurde vom Hitler-Gesprächspartner Steinacher nach Frankfurt am Main einberufen. Die Zusammenkunft fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit, doch mit Kenntnis verschiedener Bonner Ministerien statt, die angesichts der kommenden Weichenstellungen beim Neubeginn deutscher „Volkstums“-Aktivitäten koordinierend tätig wurden. Ende Oktober trafen sich deswegen sechs hochgestellte Beamte in Bonn zu einer Besprechung. Sie vertraten das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, das Bundesministerium des Innern und das Bundesministerium für Vertriebene. Ohne daß davon die Rede war, kreiste die Zusammenkunft um das deutsche Selbstverständnis nach Hitler und die Vorbereitungen für eine verhängnisvolle Wiederkehr.

Die Runde hielt sich mit historischen Einordnungen nicht lange auf, direkte politische Wertungen unterblieben. Was von der seit 1881 tätigen Massenorganisation des staatlichen Pangermanismus zu halten war, drückte Legationsrat Dr. Frahne, der für das Auswärtige Amt sprach, auf Umwegen aus. Frahne hielt es für notwendig, den VDA gegen Unterstellungen „in der angloamerikanischen Welt“ zu schützen. Dort werde der VDA „völlig zu Unrecht ... als eine deutsche Untergrundbewegung betrachtet“, eine Betrachtung voller Vorurteile, wie Frahne meinte, „aber solche Vorurteile sind schwer aufzulösen“. Demgegenüber hielt der Legationsrat fest, daß die allgemeine Vergangenheit der fraglichen Organisation keinesfalls ihre Herabsetzung rechtfertige; bei den „angloamerikanischen“ Vorurteilen handele es sich um „eine Diskreditierung des alten VDA-Gedankens, an dem das 3. Reich allein schuld ist“. Allerdings könnten die Vorurteile im Ausland Erinnerungen wachrufen und bei der vorsichtigen Erweiterung des deutschen Spielraums stören. Deswegen, so pflichtete Regierungsdirektor Gussone vom Innenministerium der noch nicht voll souveränen Bundesrepublik bei, solle „die Wiedergründung des VDA aus außenpolitischen Gründen im gegenwärtigen Augenblick“ zurückgestellt werden. „Das Ausland würde mißtrauisch ..., und es wäre zu erwarten, daß es sich dann allen Wünschen gegenüber verschlossen zeigen würde.“ Wegen dieser bloß vorläufigen Rücksichtnahme auf Vorurteile im Ausland und weil die Frage der eventuellen Betätigungsfelder eines wiedergegründeten VDA noch geklärt werden müßte, „sollte überhaupt mit dieser Idee nicht an die Öffentlichkeit getreten werden“.

Zwischenzeitlich empfahl die Runde aber zu überdenken, wer für kommende Führungsaufgaben geeignet wäre, „ob schließlich alte Kräfte sich damit befassen sollten, oder ob man auch hier ganz neue und andere Kreise heranziehen sollte“. Die Entscheidung des ministeriellen Staatsapparats für „alte Kräfte“ oder „ganz neue Kreise“ fiel nicht schwer. Den Vorstoß Göttinger Burschenschafter, anstelle des VDA eine Organisation mit anderem Namen zu gründen, beschieden die Versammelten abschlägig. Steinacher und sein Ex-NSDAP-Stab schienen im Falle einer „Heranziehung“ mehr bieten zu können. „Die in Frankfurt stattfindende Besprechung alter VDA-Leiter ist sicherlich für die Sache selbst sehr viel interessanter ... Es könnte geprüft werden, ob ein Beobachter zu dieser Frankfurter Tagung entsandt wird, um die Gesichtspunkte der Bundesressorts dabei zur Sprache zu bringen.“ Damit war es gelungen, innerhalb ein und derselben Ministerialrunde die seit Gründung des VDA subversiven Umtriebe auf den NS-Staat abzuladen und gleichzeitig dessen über Jahrzehnte führende Spezialisten für pangermanische Außenpolitik als zukünftige Partner in Aussicht zu nehmen.

Das ministerielle Interesse sollte nicht enttäuscht werden. Wie avisiert, trafen sich Anfang November „eine Reihe früherer ehrenamtlicher und hauptamtlicher Mitarbeiter“ des VDA in Frankfurt - neben Steinacher fast der gesamte Hauptvorstand aus der NS-Zeit. Wie Regierungsdirektor Gussone vorhergesehen hatte, waren von diesen erfahrenen Männern „übereilte und unangebrachte Schritte nicht zu erwarten“. Vor neuen Aktivitäten wollten sie „über die Entstehung und den geistigen Inhalt der volksdeutschen Arbeit“ nachdenken und „an Hand von einwandfreiem geschichtlichen Material“ ein zeitgemäßes Bild der Vergangenheit entwerfen. Danach hieß es, „Grundsätze über das Recht und den Wert volklichen Denkens“ niederzulegen. Dieser Rechtsanspruch sollte helfen, „ein neues Europa, das sich als ein Ganzes fühlt und daraus die Kraft zu seiner Selbstbehauptung gewinnen soll, nicht nur auf Grund von Staatsverträgen, sondern sicherer und ehrlicher aus einem verständnisvollen Zusammengehen der Völker“ zu bilden. Bei direkter Kontaktanbahnung und abseits irgendwelcher Vertragsgrundlagen würden die Deutschen ihre gesamten Erfahrungen einbringen, auch eine sogenannte Tragödie. „Das deutsche Volk wird gerade aus seiner eigenen Entwicklung, aus den Leistungen, aus der Blüte und dann aus der Tragödie seiner Volksgruppen im Auslande ein besonderes, offenes Verständnis für den Plan eines geeinten Europas aufbringen.“ Mehr, etwa ein Wort des Bedauerns über die Folgen „volksdeutscher Arbeit“ und „volklichen Denkens“, hatte der VDA-Führungszirkel nicht zu sagen. Obwohl von den Alliierten laut Kontrollratsgesetz Nr. 2 und Kontrollratsdirektive Nr. 50 als Nazi-Organisation seit 1933 eingestuft, wurde dem VDA eine bis 1937 reichende Legende demokratischer Wohlanständigkeit angedichtet.

Nach dieser vorläufigen Willensbekundung für ein nachkriegsgerechtes Mitteleuropa-Programm vereinbarten der Frankfurter Kreis und das Auswärtige Amt vertiefende Gespräche. Man traf sich in Bonn, wo der bekannte Antisemit und VDA-Aktivist Friedrich Carl Badendieck, nunmehr Hauptschriftleiter des parteiamtlichen Informationsdienstes der CDU/CSU („Union in Deutschland“), Herrn Dr. Rumpf von der Abteilung VI des Auswärtigen Amtes für Nachfragen und Aufträge gerne zur Verfügung stand. Um Mißverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen, berichtete Badendieck freimütig über seine vormaligen VDA-Funktionen. „Herr Badendieck war bis 1936 Pressechef des alten Vereins für das Deutschtum im Ausland“, notierte Dr. Rumpf. Auch die Lebensgeschichten der übrigen Herren um den NS-Täter Steinacher waren Gesprächsgegenstand, aber keinesfalls Anlaß für Zweifel. Die „alten Vorstandsmitglieder“ des VDA, „dessen Arbeit und Gesinnung überparteilich war und sich auf kulturelle Ziele beschränkte“, hatten im Archiv des Auswärtigen Amtes nicht wegen rassistischer Propaganda und Völkerhetze für Aufmerksamkeit gesorgt, sondern weil sie „auf Betreiben der Partei ... zum Teil persönlich geschädigt“ worden seien. Bei der schädigenden Partei handelte es sich um jene Organisation, in die Hans Steinacher noch 1940 unbedingt aufgenommen werden wollte und aus der weder er noch seine Frankfurter Kameraden je ausgetreten waren: die NSDAP.

Mit diesen „leitenden Männern“, die sich wegen ihrer Zuverlässigkeit empfahlen, peilte Dr. Rumpf eine engere Zusammenarbeit an. Auf jeden Fall, umschrieb der Beamte die angestrebten Beziehungen, würde sich ein Verein, eine „Gesellschaft oder was die Form der Gruppe auch werden mag, ... insofern nützlich erweisen, als ihr bestimmte konkrete Aufgaben ... übertragen werden könnten, die das Auswärtige Amt aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit in dem einen oder anderen Land nicht selbst erfüllen möchte“. Selbstverständlich handelte es sich um verdeckte außenpolitische Maßnahmen, die aus dem Staatshaushalt zu begleichen wären. „Auch zur Zeit Stresemanns erhielt der VDA vom Auswärtigen Amt Geldmittel zur Unterstützung ... in ausländischen Gebieten, wo die deutsche Regierung offiziell nicht in Erscheinung treten wollte.“ An diese Erfahrung ließ sich anknüpfen. „Wie in der Vergangenheit wird auch in der Zukunft die Existenz auslandsdeutscher Gruppen in den verschiedensten geographischen, politischen, soziologischen, ideologischen und kulturellen Umständen und in der verschiedensten Siedlungsweise eine Tatsache sein, mit der die deutsche Innen- und Außenpolitik rechnen muß.“

Angesichts dieser vielgestaltigen Tatsache blieb dem neuen deutschen Staat keine Wahl, meinte der Beamte und drohte mit den Nazis: „Falls die amtlichen Stellen der Bundesregierung jegliche private Initiative zur Aufnahme einer Arbeit im Interesse des Auslandsdeutschtums ablehnend behandeln würden, besteht meines Erachtens die Gefahr, daß sich ehemalige Nationalsozialisten oder nationalistische Kreise dieser Gedanken und Bestrebungen bemächtigen und der Bundesrepublik Gleichgültigkeit gegenüber dem, was sie dann als nationale Sache bezeichnen könnten, zum Vorwurf machen.“ Nach diesem süffisanten Exkurs eines Mannes, der sein Fach verstand, wurden als Retter vor der drohenden Gefahr eben jene angeboten, vor denen Dr. Rumpf eben noch gewarnt hatte: „Es scheint mir daher zweckmäßig, sich den Kreisen des alten VDA gegenüber aufgeschlossen zu zeigen, die mit ihrer Gesinnung auf dem Boden der Bundesrepublik stehen und der Politik der Bundesregierung weder nach innen noch nach außen Schwierigkeiten bereiten wollen.“

Die Aufzeichnungen des Beamten leitete die Abteilung VI den Abteilungen II und III zu. Nach einer hausinternen Detailabstimmung ging man an die Vorbereitungen für interministerielle Besprechungen in Sachen Auslandsdeutsche. Ein weiterer Schritt zur Wiederherstellung traditioneller Zielprojektionen der deutschen Außenpolitik war getan.

„Aufgabenbereich UdSSR“

Schnell und auf unverdächtigem Wege sickerte der VDA 1990 in die Sowjetunion ein. Die von der Moskauer Botschaft präsentierten „Mitglieder der neugegründeten Allunions-Gesellschaft Wiedergeburt“ erwiesen sich als hervorragende Sherpas. Während ihren Repräsentanten die Einrichtung eines Verbindungsbüros in Bonn versprochen wurde, war der VDA schon im Begriff, die Organisationsstrukturen der Rußlanddeutschen in Moskau zu übernehmen. Voll naiven Vertrauens lieferte die „Wiedergeburt“ die von ihr betreuten zwei Millionen Sowjetbürger deutscher Herkunft der außenpolitischen Vorfeldarbeit des Bonner Apparats aus. Seine Steuerungszentren gingen arbeitsteilig vor.

Das Innenministerium stellte den Autor der rechtsextremen „Österreichischen Landsmannschaft“, Alfred Eisfeld, zur Verfügung, dessen Fähigkeiten u.a. von Staatssekretär Waffenschmidt bereits seit längerem geschätzt wurden. Eisfeld stand dem VDA-Bundesvorstand ab sofort als „Berater“ im „Fachgebiet UdSSR“ zur Verfügung. Der aus der Uralregion stammende Ostspezialist konnte in der sowjetischen Hauptstadt Beziehungen bereitstellen, die sich für einen weichen Einstieg bei der „Wiedergeburt“ bestens eigneten.

Während Eisfelds Bekannte umgehend in Moskau tätig wurden, kümmerte sich Ministerialdirektor Barthold Witte um die personelle Ausstattung der bevorstehenden Aktivitäten. Über Witte fanden Fachkräfte zum VDA, die den Organisationsnamen zuvor nie gehört hatten, aber dringend gebraucht wurden, um ein fieberhaft geplantes Moskauer VDA-Büro zu besetzen. Kaum hatte Kanzler Kohl gefordert, „daß für die Deutschen in der Sowjetunion Verhältnisse geschaffen werden, die ihnen ein Bleiben in ihrer Heimat ermöglichen“, machte sich das im Außenministerium bekannte Personal auf die Reise nach Moskau. Russische Vorbehalte existierten nicht mehr. Kohls Verhandlungen mit Partei- und Staatschef Gorbatschow im Februar 1990 waren in jeder Hinsicht erfolgreich gewesen: „ein guter Tag für Deutschland“ und eine ideale Ausgangsposition für den VDA.

Zu den ersten Hilfsmaßnahmen, die der Moskauer Vorposten dem bedrohten „Deutschtum“ zuteil werden ließ, gehörte die organisatorische Durchforstung der „Wiedergeburt“. Ihrer hauptstädtischen Zentrale unterstanden zehn Außenbüros, die mit Gebiets- und Ortsbehörden in fast sämtlichen Industrieregionen der Sowjetunion verkehrten. Beim „Ost-Ausschuß der deutschen Wirtschaft“ war „das Interesse ... sehr groß“, diese Verbindungen zu nutzen, so daß „Ansprache und Unterrichtung“ deutscher Betriebe erfolgen konnten, „die in der UdSSR investieren wollen“. Es traf sich, daß der VDA auf die Idee kam, die Basisbüros der „Wiedergeburt“, die noch nicht einmal über genügend Schreibmaschinen verfügten, mit einem Computersystem zu vernetzen. „Ansprache und Unterrichtung“ ließen sich auf diese Weise systematisieren, und das hohe technologische Niveau machte längere Einweisungsarbeiten der Aufsteller notwendig.

Für die Durchführung dieser großzügigen Modernisierung bis dahin autonomer Strukturen der „Wiedergeburt“ stand seit kurzem ein Unternehmen bereit, das vom VDA auch für andere Maßnahmen herangezogen wurde. Nach seinem Eigentümer hieß es „Aselborn“. In Moskau benutzte das VDA-Personal zuerst die Firmentelefone, bald darauf auch die Büros der gut ausgestatteten Niederlassung. Sie beschäftigte sich mit „Industrieberatung und Datentechnik“, wobei insbesondere der letztgenannte Unternehmensbereich sehr ernst zu nehmen war. Er führte zu einem Mann in Salzgitter (Waldemar Aselborn), den VDA-Mitarbeiter als ehemaligen Aussiedler aus der Uralregion und langjährigen Weggefährten von Alfred Eisfeld identifizierten.

Obwohl damit in Moskau sämtliche deutschen Interessenten vertreten waren, denen sowohl die „Datentechnik“ als auch die Förderung der „Wiedergeburt“ sehr am Herzen lag, schien es noch weiterer Maßnahmen zu bedürfen, um die Rußlanddeutschen auf den Weg der Selbstbestimmung zu führen. 33 ihrer Führungskräfte wurden deswegen im Juni 1990 nach Bonn eingeflogen, wo der VDA mit einem zweiwöchigen Seminarprogramm aufwartete. Der Vorsitzende der „Wiedergeburt“ erhielt bei Besuchsantritt ein Papier in die Hand gedrückt, aus dem er unter Punkt 7 erfuhr, welche „Forderungen ... der Wiedergeburt“ die Bonner Gastgeber empfahlen: Wegen unbotmäßigen Verhaltens der sowjetischen Behörden im Wolgagebiet „müßte also die politische örtliche Führung ausgewechselt werden“. Nach Instruktionsende kehrten die rußlanddeutschen Funktionsträger in die UdSSR zurück, um auf der „3. Außerordentlichen Konferenz“ ihrer Organisation die unverzügliche Wiederherstellung eines selbstverwalteten Territoriums zu fordern. Als vor den 700 Delegierten auch noch der stellvertretende Vorsitzende des VDA-Verwaltungsrats, der SPD-Bundestagsabgeordnete Horst Sielaff, gesprochen hatte, konnte am Ausgang der Beratungen kein Zweifel mehr sein. Von innen und außen, von oben und unten bearbeitet, stimmten die Rußlanddeutschen für weitgehende Gebietsforderungen.

Als sich Staatssekretär Wabro, Ministerialdirektor Witte und die VDA-Spitze gegen Jahresmitte trafen, um Überschau zu halten, bestand aller Anlaß für ein „gutes, freimütiges, konstruktives Gespräch“. Die günstigen Entwicklungen im Ausland ließen den Einfluß des VDA beinahe wöchentlich wachsen. Aus dem Innenministerium waren Steuergelder in Millionenhöhe angekündigt, die Übernahme paralleler Einrichtungen des Bildungsministeriums der DDR stand bevor, und die deutsche Wirtschaft zeigte an „Volkstums“-Projekten Interesse. Bei diesem Tempo geriet das Außenministerium in Gefahr, den Anschluß zu verlieren. Der Leiter der Kulturabteilung beeilte sich, zu den ersten Reihen aufzuschließen. „Dr. Witte gab zu verstehen, der VDA würde künftig stärker ... eingebunden ... insbesondere bei dem weiten Aufgabenbereich UdSSR ist 1991 an eine enge Zusammenarbeit gedacht.“ Statt der fallweisen Finanzvergabe kündigte Witte institutionelle Mittelzuwendungen an, um den VDA auf das Haushaltsniveau der „Goethe-Institute“ zu heben: „Ab 1992 ist institutionelle Förderung anzustreben; die Haushälter der Fraktionen sollen rechtzeitig eingebunden werden. StS Wabro wird zu gegebener Zeit (Frühjahr 1991) zu einem gemeinsamen Gespräch in die Landesvertretung einladen, an dem Dr. Witte teilnehmen wird.“ Institutionelle Förderung bedeutete, daß Gelder fließen würden, die es mit dem Jahresetat von „Inter Nationes“ aufnehmen könnten: mindestens 50, vielleicht 70, 90 oder 100 Millionen projektunabhängig. Eine Organisation mit dieser Finanzbasis und Wirkungsabsicht ließ sich nicht länger unter Halbtarnung führen. Damit stand zu erwarten, daß der 1989 begonnenen Einschmelzung des Vorfeldapparates in den staatlichen Tiegel binnen dreier Jahre das offene Bekenntnis der Bundesrepublik Deutschland zu jener „Blutsgemeinschaft“ folgen mußte, die der VDA-Vorsitzende propagierte. Im Gegenzug sollte die Staatsagentur einen unmittelbaren Zugriff auf ihre bisherigen Auftragsgelder erhalten. Diese Aussicht ließ den VDA zu Hochform auflaufen.

Sein Geschäftsführer Karsten Schlamelcher konnte bei Prüfung der Bankauszüge feststellen, daß die Ankündigung des Außenministeriums von den Praktiken des Innenministeriums längst überboten wurde. Aus dem Ressort des Parlamentarischen Staatssekretärs und VDA-Verwaltungsratsmitglieds Waffenschmidt flossen bis zum Jahresende 37,1 Millionen Mark - ein Betrag, der angebliche „Soforthilfe“ in der Sowjetunion ermöglichen sollte, aber bei den Rußlanddeutschen weder sofort noch sehr hilfreich eingesetzt wurde. Eine Tranche von 34,6 Millionen, die das Innenministerium am 19. Dezember 1990 wegen der „besonderen politischen und wirtschaftlichen Dringlichkeit“ und „ohne das normalerweise schriftliche Antragsverfahren“ anwies, landete u.a. auf den VDA-Konten Nr.12515 „Deutsche Bank, Festgeld UdSSR“ und Nr. 19500 „Tagegeld Deutsche Bank“. Die Zusage, von diesen Millionen bis März 1991 „Hilfsprojekte“ an bereits bekannten Standorten zu realisieren, schien im VDA nicht der Rede wert. Da nach Standorten erst gesucht werden mußte, durfte man die Zeitvorgabe vergessen. Das Geld konnte bei der Deutschen Bank einen Vierteljahreszins von rund 500.000 Mark erbringen. Außerdem wurde es anderswo benötigt.

„Mehr als 700 ha“

Der Mann aus Deutschland öffnete den Koffer. Die Stückelung der Scheine entsprach dem Umrechnungswert. Wegen des galoppierenden Rubelverfalls zählte jede Mark mehrfach. Für eine Tausendernote ließ sich in Kaliningrad fast alles kaufen. Berücksichtigte man die lächerlichen Bodenpreise, so enthielt der Koffer den Gegenwert beträchtlicher Ländereien.

Der Mann trat ans Fenster und blickte vom Hotel auf die Hauptstraße. Hier, im ehemaligen Königsberg, hatte der „Verein für das Deutschtum im Ausland“ sein letztes großes Vorkriegstreffen veranstaltet. Auf der „Ostlandtagung“ im Jahr 1935 war der Landesverbandsleiter des VDA ans Podium getreten, um „die Freiheit des Volkstums“ zugunsten des „Friedens in Europa“ durchzusetzen. Nach Professor Theodor Oberländer hatte Hans Steinacher gefordert, „ohne Rücksicht auf die trennenden Staatsgrenzen eine seelische Ganzheit des gesamten deutschen Volkes herzustellen“, so daß der „neue deutsche Volksstaat in Mitteleuropa“ endlich Wirklichkeit werde. Ungeachtet zwischenzeitlich eingetretener Ereignisse blieb die „Freiheit des Volkstums“ in „Mitteleuropa“ 56 Jahre später eine noch uneingelöste Verpflichtung. Kaliningrad, das alte Königsberg, verlangte Anfang 1991 nach vorausschauenden Taten, um die Füße des „Deutschtums“ auf angestammten Boden zu setzen. Das nicht ungefährliche Vorhaben unter den Augen zahlloser Sowjetsoldaten, die im Gebiet Kaliningrad konzentriert waren, würde die Zukunft lohnen. Was verloren gegangen war, mußte zurückerobert werden.

Schien die Idee einfach, so gab die Umsetzung Probleme auf. Man benötigte Flächen. Große Flächen. Sie sollten zusammenhängend sein, möglichst frei von russischen Einwohnern und in eigenem Besitz. Nur so waren deutsche Mehrheiten anzusiedeln. Ihre Autonomieforderungen würden sich von selbst ergeben. In der „Wiedergeburt“ kursierten mehrere Gebietsnamen, von denen Leningrad, das ehemalige Petersburg, und Kaliningrad als die vielversprechendsten galten. Rußlanddeutsche gab es genug. Man brauchte ihnen nur Hoffnung zu machen, um sie quer durch die Sowjetunion in Bewegung zu setzen. Für den Treck aber fehlte Siedlungsfläche, und es fehlte Geld.

Die ersten Landkäufe hatte ein Norddeutscher organisiert, der sich auf diskrete Geschäfte verstand. Die Kunde war bis nach Bonn gedrungen. Jetzt stand der Mann mit dem Koffer bereit, um Kaliningrad hektarweise zu kaufen und deutschstämmigen Siedlern zuzuschanzen. Man mußte Schmiergelder zahlen und komplizierte Wege gehen. Es gab keine Quittungen und keine Verträge. Aber vor den deutschen Devisen, den riesigen Summen des Boten vom Rhein, überlegte sich jeder Russe zweimal, ob er mitmachen oder ablehnen sollte.

Das Unternehmen war gut vorbereitet. Die Anwesenheit des Mannes mit dem Koffer dauerte nur wenige Tage. Auf verabredeten Umwegen würden die eingeschworenen Kontaktleute weiterarbeiten. Mehrere hundert, vielleicht mehrere tausend Hektar waren das Ziel. Aus dem Körper des kollabierenden Bären, mit dem man soeben einen Vertrag „über gute Nachbarschaft“ und ewigen Frieden geschlossen hatte, mußte herausgerissen werden, was dessen Schwächezustand hergab. Die Tinte trocknete gerade, und der deutsche Außenminister schraubte seinen Füller zu, als dem Vertragswerk buchstäblich der Boden entzogen war. Nicht nur in Kaliningrad.

Das Außenministerium tobte. Dieser Dilettantismus untergrub die deutsche Glaubwürdigkeit. Die subversiven Aktionen hatten sich bis Moskau herumgesprochen und konnten zu unangenehmen Verwicklungen führen. Im VDA-Büro der russischen Hauptstadt nannte man sogar Namen. Flog das Unternehmen auf und würde die Beteiligung von Bundesbehörden vermutet werden, so half es dem Außenministerium gar nichts, wenn das Geld aus dem Innenministerium stammen sollte. Im Ausland rechenschaftspflichtig war nicht das Innenministerium unter Rudolf Seiters (dessen Bruder Julius dem hauptamtlichen Mitarbeiterstab des VDA angehörte), Staatssekretär Waffenschmidt und Ministerialdirigent Gassner; zur Rechenschaft ziehen würde man vielmehr Hans-Dietrich Genscher und seinen Ministerialdirektor Witte. Sie hatten ein Risiko zu tragen, dessen Gestaltung sich ihrem Einfluß entzog. Bei gewissen Bonner Adressen schien man keine Ahnung zu haben, wie solche Unternehmungen ablaufen mußten, wenn sie unentdeckt bleiben sollten. In den 20er Jahren hatte es Stresemann vorgemacht. Unter Anleitung des deutschen Außenministers, der dem VDA sehr verbunden war, wurden damals Regierungsgelder erst in die USA transferiert, mehrfach gewaschen und sodann an eine getarnte Bank in Holland überwiesen. Von dort ging das Geld zum Ankauf von Ländereien an Mittelsmänner in Polen, aber nicht durch einen Geldboten aus Deutschland, dessen Organisationszugehörigkeit ohne weiteres aufzudecken war. Im VDA arbeiteten Stümper.

Die Vorwürfe waren lächerlich. Wenn man im Außenministerium glaubte, die von Ministerialdirektor Witte geforderte „Wiederherstellung geschlossener Siedlungsgebiete“ würde auf dem Tablett serviert, so handelte es sich um einen diplomatischen Irrtum. Das Auswärtige Amt schien zu träumen. Einerseits dachte es in den richtigen biologischen Kategorien, wehrte sich gegen Assimilierung und stachelte territoriale Gelüste an, andererseits scheute es die Konsequenzen. Die Herren in der Wilhelmstraße behandelten den VDA wie seit 100 Jahren. Sie schätzten seine Dienste, solange sie nicht auffielen, aber kaum gab es Pannen, wandten sie sich ab und waren empört. Schon Alois Brandl, der frühere Vereinsvorsitzende, hatte darunter gelitten: „Das Auswärtige Amt ließ uns gewähren, wir mußten aber immer darauf gefaßt sein, von ihm abgeschüttelt zu werden“ - eine feine Umschreibung der bezahlten Komplizenschaft, bei der sich der eine die Hände schmutzig machte, während der andere unschuldig tat. Man mußte es ertragen, denn dies war der mühselige Anfang eines großen Aufbruchs nach Osten, der nicht nur den VDA, sondern auch die deutsche Wirtschaft erfaßt hatte (die deutschen Direktinvestitionen in den Ostblockstaaten - ohne DDR - stiegen von ca. 100 Millionen Mark 1989 auf 1,544 Milliarden Mark 1992). Dabei fehlte es an Erfahrungen, und es geschahen Pannen, gewiß. Aber der riesige Raum, um den seit jeher die Wünsche kreisten, zumal er 1945 verlorengegangen war, „Paneuropa“, „Zentraleuropa“, „Mitteleuropa“, öffnete sich wieder für Deutschland. Ob das Auswärtige Amt nachzog oder sich noch Zeit lassen wollte: Deutschlands Wege führten jetzt ostwärts. Das VDA-Büro in Moskau wurde ausgebaut, fünf Ableger in weiteren sowjetischen Städten (Saratow, Wolgograd, Barnaul, Omsk und Bischkek) folgten.

Auch Alfred Eisfeld, Berater des VDA, verstärkte seine Tätigkeit im Osten. Der beim Innenministerium beschäftigte Minderheitenspezialist mit Kontakten ins Lager des Rechtsextremismus brach in die Sowjetunion auf, um nach Projektstandorten zu suchen, an denen 35 Millionen Mark „dringlich“ ausgegeben werden mußten, die unverändert auf VDA-Konten ruhten. Eisfeld galt als hervorragender Kenner der deutschstämmigen Sowjetbürger und hatte diesen Ruf vor kurzem erneuert. Auf einer Tagung seiner „Studiengruppe“ im September 1990 war vom „völkischen Umfeld“ der Rußlanddeutschen die Rede gewesen, ihrer „spezifischen Mentalität“, und von einem nationalen Zwangsbegriff, der seit der Vereinigung mit irrlichternden Bedeutungen aufgeladen wurde: deutsche „Identität“.

In Eisfelds Begleitung reiste Waldemar Aselborn, der Inhaber jener rätselhaften Firma aus dem Bereich „Datentechnik“, in deren Moskauer Büro sich der VDA aufhielt. Über die Tätigkeit des Betriebes aus Salzgitter wußte das Innenministerium zu berichten, er sei „seit Jahren in der Vermittlung von Ausrüstungen für die Sowjetunion tätig“ und gelte als „sehr seriös“. Aselborn kannte sich in der UdSSR aus. Seine Firma durfte - im Unterschied zum VDA - Rechtsgeschäfte tätigen. Der Organisation mit mehr als 30 Millionen Mark für „Soforthilfe“ war es in der UdSSR nicht gestattet, für 30 Kopeken zu helfen; wie der VDA sehr gut wußte, besaß er nach den Gesetzen der Sowjetunion „keine Legitimation“. Daß statt dessen die Firma Aselborn bereitstand, durfte man für einen jener Umstände halten, die es seit Vereinsgründung vermochten, private und staatliche Belange außerordentlich zu verdichten.

Das Duo durchstreifte deutschstämmige Siedlungsgebiete, um hier eine Käserei, dort einen Backbetrieb zu projektieren, und vereinte sich in den Kabelberichten staunender Moskauer Diplomaten zur unerforschlichen Zweieinigkeit der Mittelvergabe: „ob eisfeld aselborn vor ort bereits absprachen getroffen oder feste zusagen gemacht haben“, war der nach Bonn berichtenden Botschaft unbekannt. Die „Deutschtums“-Emissäre verhielten sich, wie sich Deutsche schon immer verhalten hatten, wenn ihre Herrschaftsbedürfnisse auf ein russisches Objekt trafen. Als man sie in Uljanowsk bat, die örtlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen, denn „fuer eine baeckerei bestehe kein bedarf, da im gebiet kein brotmangel herrsche“, und „statt einer kaeserei benoetige man dringend eine ziegelei“, vernahmen die Hilfsempfänger die Antwort, sie sollten „sich mit dem angebotenen begnuegen, andernfalls werde uljanowsk ganz von der foerderliste gestrichen“.

Im Hochgefühl finanzieller Allmacht kamen Eisfeld und Aselborn mit VDA-Geschäftsführer Schlamelcher sowie dem Moskauer Büroleiter überein, die staatlichen Millionensummen durch eine eigene Firma („Interform“) zu schleusen. „Auf Beschluß des VDA-Vorstandes“, wie es in einem Schreiben des VDA vom 22. Mai 1992 heißt, war damit die Anbindung der Vereinsspitze an den ministeriellen Apparat in einer Substruktur kopiert und politisch verlängert worden. Vergab die Bundesrepublik Deutschland an die vorgeblich private Organisation Aufträge, für deren subversive Umsetzung sie jede Verantwortung von sich weisen wollte, so vergab der VDA die ihm zugeschobenen Gelder an ein angebliches Fremdunternehmen, das den Nachvollzug über ihre Verwendung vollends unmöglich machte. Diese schrittweise Scheinprivatisierung vergesellschafteter Mittel weckte bei den Beteiligten Begehrlichkeiten, vor allem aber lieferte sie erhebliche Beträge dem unmittelbaren Zugriff namhafter Vertreter des Pangermanismus aus. Nach den 37,1 Millionen des Jahres 1990 waren es 1991 bereits 69,5 Millionen, die der VDA erhielt und auf diese Weise verteilte. Das Motto seiner Aktivitäten in der außer Kontrolle geratenen UdSSR formulierte Alfred Eisfeld, der Autor einer Organisation alldeutscher Rechtsextremisten: „Deutsche in der Sowjetunion sind als Teil der deutschen Kulturnation (!) zu verstehen, die lediglich (!) Staatsangehörige eines anderen Staates sind. Die Autonomiebewegung ist daher als eine der Formen der nationalen Bewegung zu verstehen.“

Eisfelds „nationale Bewegung“, die mit den Millionen der gesamtdeutschen Regierung in Trab gehalten wurde, sann insbesondere dort auf Autonomie, wo unerklärliche Umstände zu einer stetigen Vermehrung der benötigten Siedlungsflächen führten: „um Königsberg, St. Petersburg oder Moskau“. Was Kaliningrad betraf, so befand sich der VDA in vertrauensvollem Kontakt mit der dortigen Organisation „Eintracht“, die auf prunkvollen Visitenkarten als „Stadtgesellschaft der deutschen Kultur“ firmierte. Mit dem Gesellschaftsgegenstand mußte es eine besondere Bewandtnis haben, denn der Vorsitzende der „Eintracht“ ging seinen Aufgaben entweder in Deutschland nach oder leitete in Kaliningrad die Handelsfirma „Eintracht-Ost“. Unter kultureller Arbeit verstand man bei der „Eintracht“ jene umfängliche Fürsorge für das „Deutschtum“, wie sie der VDA seit über 100 Jahren betrieb und gegen bösartige Subversionsvorwürfe verteidigte. „Die Hauptaufgabe der Gesellschaft“, heißt es im VDA-Bericht 1992, „besteht in der Koordinierung der stillen Übersiedlung von Deutschen in das Kaliningrader Gebiet ... Der Vorsitzende ... hat bereits mehr als 700 ha Land kaufen können, auf dem mit dem Bau von Wohnungen begonnen werden soll.“ Die kürzliche Tätigkeit des Mannes mit dem Koffer schien üppige Früchte zu tragen. Aber nicht nur der illegale Geldbote durfte sich über das vorläufige Hektarergebnis der Aufkäufer freuen. Ihre fleißigen Beschaffungsmaßnahmen schrieb man in Bonn auch anderweitiger Unterstützung zu. Sie kam „vom Ostpreußenverband, der Stiftung Königsberg, von der Neuapostolischen Kirche Dortmund ... und aus dem Mittelasienfonds der Deutschen in Kasachstan“ (VDA-Bericht 92).

Hervorragende Kulturarbeit wurde ebenfalls an der Newa geleistet, wo die einen sich noch als Leningrader fühlten, während die anderen bereits von St. Petersburg sprachen. Hier war es gelungen, das städtische „Volkstum“ in der „Deutschen Gesellschaft“ zu sammeln. Bereits auf den ersten Treffen hatten Mitglieder gefordert: „Wir brauchen Deutschland in den Grenzen von 1937.“ Wenig später besannen sich die Organisatoren auf ihre Rasseherkunft und versuchten, fremde Blutsangehörige fernzuhalten - in dem vorgeblichen Kulturverein kamen antisemitische Töne auf. Damit bestand Klarheit über den Kreis der nach Territorialbesitz verlangenden Kräfte. Angeführt vom VDA-Vertrauten Eugen Häusser forderte die „Deutsche Gesellschaft“ „die Erhaltung des Ethnos der Rußlanddeutschen als Volk“ und beabsichtigte durchzuführen, was den Nationalsozialisten noch verwehrt geblieben war: „Erforschung und Wiederaufbau des historischen Erbguts“ aller deutschblütigen Bewohner der Stadt. Dabei half der VDA nach besten Kräften. Mit Valutawährungen wur-den führende Organisationsmitglieder bezahlt, die den monatlichen Finanzbedarf an das VDA-Büro Moskau meldeten. Für ihre neugegründete „St. Petersburgische Zeitung“ stellte die deutsche Staatsagentur moderne Technik und personelle Verstärkung bereit. Meist abenteuerlustige, in Deutschland angeworbene Jungjournalisten konnten nicht wissen, daß sie in einem Verbundprojekt arbeiteten.

Während der VDA für die nötigen Steuergelder sorgte, um bei der „Erforschung des historischen Erbguts“ zu helfen, kassierte eine Vertriebsstelle in Bad Homburg den politischen Nutzen. Unter dem Namen „Deutsch-Rußländische Gesellschaft“ fungierte sie als deutscher Partner der „St. Petersburgischen Zeitung“. Das Unternehmen beschäftigte einen ehemaligen Major der nationalsozialistischen Propaganda-Armee „Wlassow“ und unterhielt enge Verbindungen zu den russischen Nazi-Kollaborateuren des zweiten Weltkriegs. Unter den Autoren des Homburger Schriftguts konnte man den verurteilten Rädelsführer einer antisemitischen Terrorgruppe, Manfred Roeder, ebenso finden wie führende Publizisten des Rechtsextremismus. Die gemeinnützige Organisation vernetzte die Petersburger Vorkämpfer mit ihren heimischen Sympathisanten und organisierte das politische Hinterland der Rußlanddeutschen - selbstverständlich in korporativer Mitgliedschaft bei der „Paneuropa-Union“. An dieser Koppelstelle schloß sich der Kreis zum VDA und seinen führenden Funktionären. Von den ministeriellen Spitzen des Staates über den „Verein für das Deutschtum im Ausland“ führte ein gerader Weg in den Blutsumpf des Nazismus.