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Zu Protokoll

konkret 07/98, S. 32

Tschechen, Franzosen und Dänen in den gemeinsam mit den Deutschen etablierten „Euroregionen“ fürchten, erneut von dem mächtigen Nachbarn überrannt zu werden. KONKRET dokumentiert das Sendeprotokoll von Hans-Rüdiger Minows Film „Unheimliche Nachbarn. Die Rolle der Deutschen in den Euro-Regionen“, der am 6. Juni zwischen 11 und 11 Uhr 30 im WDR (1998) ausgestrahlt wurde (Die Redaktion).

Kommentator: Im Juni 1971 treffen sich auf einem norddeutschen Wasserschloß Industrievertreter und Europa-Politiker. Sie gründen die „Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen“. Der Verein erklärt, daß er privat für ein „Europa der Regionen“ arbeiten will. Präsident von 1979 bis 1982: CDU-Politiker Wolfgang Schäuble. Einer der Berater: Theodor Veiter, Professor für Völkerrecht und früherer NS-Spezialist für Grenzsubversion.

(Interview mit Jens Gabbe, „Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen“, Gronau.)

Frage: In einer „Charta“ erklärt die „Arbeitsgemeinschaft“ Grenzen zu „Narben der Geschichte“, die „überwunden“ werden müßten, ... damit der „großräumige Austausch von Gütern, Arbeit, Dienstleistung und Kapital“ in ein „Europa der Regionen“ führt. Wer ist denn der Auftraggeber für diese neue „Raumordnung“, wer steht hinter der Gründung Ihrer Regionalisierungs-Organisation?

Gabbe: Das sind die europäischen Grenzregionen in sehr unterschiedlicher Rechtsform, das ist ein privater Verein, nach deutschem Recht eingetragen, ... und die „Charta“ macht eigentlich ganz deutlich, daß grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu Toleranz, zu Verständnis, Vertrauen, auch zu Abbau von Spannungen bei Minderheiten beiträgt und somit zum Europa der Regionen einen Baustein liefert.

Frage: Also eine ausschließlich private Gründung?

Gabbe: Ausschließlich private Gründung!

Kommentator: Die Wiege der „Arbeitsgemeinschaft“ steht in Bonn - bei einer Vorfeldorganisation des Auswärtigen Amtes, die seit Jahrzehnten Millionenbeträge aus Steuermitteln erhält. Hier begann die Konjunktur der „Euro-Regionen“ und der neuen europäischen „Raumordnung“. Neben dem Auswärtigen Amt arbeiten seitdem auch andere deutsche Ministerien für die Schaffung von „Euro-Regionen“, so die Bayerische Staatskanzlei in München, die hinter einem „Internationalen Institut für Nationalitätenrecht und Regionalismus“ steht.

Sprecher: Seinen Gremien gehören hohe deutsche Vertriebenen-Funktionäre an. Weitere Mitglieder: frühere NS-Spezialisten für die Aufsplitterung der Nachbarnationen und den „Deutschtumskampf“.

Kommentator: 1991 erreichen „Arbeitsgemeinschaft“ und Vertriebeneninstitut ein gemeinsames Ziel: im früheren Sudetengebiet und auf tschechischem Territorium wird eine „Euro-Region“ gegründet. Zwischen den deutschen Wirtschaftszentren und As, Karlovy Vary oder Cheb kann der „großräumige Austausch von Gütern, Arbeit, Dienstleistung und Kapital“ beginnen - zum Vorteil der deutschen Initiatoren.

(Einblendung: Tschechische Republik.)

Kommentator: Ein unendlich erscheinender Güterstrom ergießt sich über die deutsch-tschechische Grenze ... auf dem Weg zu billiger Arbeitskraft. An den mit EU-Geldem ausgebauten Straßen liegen Produktionsstätten deutscher Unternehmen. Im tschechischen Grenzgebiet haben sie Joint-ventures gegründet und nutzen in der „Euro-Region“ die Kostenvorteile.

Sprecher: Hier werden Stahlkonstruktionen eines bayerischen Subunternehmens für den deutschen Mannesmann-Konzem gefertigt - zu idealen Bedingungen. In den rückständigen Industriebranchen müssen weder deutsche Umweltauflagen noch deutsche Tarifverträge beachtet werden. Löhne: auf Dritte-Welt-Niveau...

Arbeiter; Chotova Plana: Wir werden nach Stunden bezahlt und erhalten zwischen 38 und 80 Kronen.

Sprecher: ...zwischen 2 und 4 Mark die Stunde.

Kommentator: Mit Traumprofiten in der tschechischen „Euregio“ produziert, werden die Stahlkonstruktionen als „Made in Germany“ ausgegeben und tschechische Territorien wie deutsches Ursprungsgebiet behandelt. Industrielle Verhältnisse wie im vergangenen Jahrhundert: aus ganz Osteuropa angeworbene Arbeitskräfte sind in heruntergekommenen Wohncontainern kaserniert...

Vielleicht ein extremer Einzelfall?

Wenige Kilometer entfernt und inmitten des tschechischen „Euregio“-Gebiets: die Stadt As, Regionalzentrum deutscher Bordellinteressenten. Ehemals berühmt für ihre Textilindustrie, ist die Stadt dem Zerfall preisgegeben. In den früheren Herrenhäusern residieren deutschsprachige Unternehmenszentralen. Sie haben die Reste der tschechischen Fabriken aufgekauft. Auch in diesem deutsch-tschechischen Betrieb eines Unternehmers aus Hof. kasernierte Arbeit. Direkt über den Produktionsstätten wohnen Näherinnen aus der Ukraine.

(Interview mit Edeltraud Caran, Lehrerin, As.)

Frage: Die Mädchen hier nähen solche Pullis?

Caran: Ja, und Hemden und Blusen und Kleider. Eigentlich alle Textilien.

Frage: Zu welchem Grundlohn?

Caran: 22 bis 23 Kronen pro Stunde.

Frage: Das sind wieviel Mark?

Caran: 1 Mark 20 bis 1 Mark 25 pro Stunde.

Frage: Man arbeitet im Akkord?

Caran: Ja. Wenn man 70 Prozent der festgesetzten Norm erreicht, dann bekommt man die Miete umsonst, und wenn man selten oder nie krank ist, dann noch eine zusätzliche Prämie.

Frage: Was geschieht mit den Kindern dieser Frauen? Bleiben die Kinder in der Ukraine?

Caran: Ja, die bleiben in der Ukraine. Es spielen sich manchmal ganze Tragödien ab. Ich kenne einen Fall, da hat sich die junge Frau scheiden lassen, zwei Kinder, in der Hoffnung, in der tschechischen Seite der „Euro-Regio“ einen Arbeitsplatz zu finden, einen deutschen Mann kennenzulernen, vielleicht später zu heiraten, um der Familie in der Ukraine helfen zu können.

Kommentator: Mit der „Euro-Region“ als Zone deutschen Wirtschaftseinflusses wird offen geworben, zum Beispiel in der „Süddeutschen Zeitung“.

Sprecher: „118 Hektar mit Wirtschaftsgebäuden, verwendbar als Produktionsbetrieb wegen Aufhebung der deutschen Grenze zu verkaufen.“

„Tschechien-Grenznähe, Hallen für Produktion zu vermieten, zu verkaufen.“

(Bürgermeisterin Anna Balamutovä, Kräsnä.)

Frage: Frau Balamutovä, lösen solche Anzeigen Bitterkeit in Ihnen aus? Haben Sie sich die Mitgliedschaft in der „Euro-Region“ als einen Aufkauf durch Deutsche vorgestellt?

Balamutovä: Diese Anzeigen sehe ich zum ersten Mal. Ich wußte nichts davon ... Unsere Hoffnung auf die „Euro-Region“ sah anders aus. Wir dachten, es wäre möglich, Fördermittel zu erhalten.

Frage: Haben Sie Mittel beantragt?

Balamutovä: Ja. Im Rahmen des EU-Programms „Phare“ haben wir Gelder beantragt, für die Kanalisation in unserem Ort. Unsere Abwässer fließen nach Bad Elster in Deutschland. Für dieses grenzüberschreitende Projekt haben wir Anträge ausgearbeitet, ins Englische übersetzen lassen, mit viel Aufwand.

Frage: Wieviel Mittel haben Sie erhalten?

Balamutovä: Keinen Pfennig...

Frage: Wohin sind denn Ihrer Meinung nach 1997 diese Mittel geflossen?

Balamutovä: Ich meine, die Mittel wären nach Bayern geflossen...

Kommentator: Weil der tschechische Teil der „Euro-Region“ ein Armenhaus ist, von der D-Mark bestimmt, von ihren Werten gezeichnet, ist alles erlaubt, um zur D-Mark zu kommen: Massenprostitution an den Landstraßen, in den Städten. Auch hier setzt sich die stärkere Kaufkraft durch. Sie bestimmt über Slowakinnen, Ukrainerinnen und Sinti. Die DM belebt das Billiggeschäft und stillt den Luxusbedarf deutscher Porsche-Fahrer: in den Edelbordellen der „Euro-Region“. „Freier Austausch von Arbeit, Dienstleistung und Kapital“ endet hier beim Kauf menschlicher Ware.

In der D-Mark-Zone zwischen Karlovy Vary und Cheb wird die deutsche Wirtschaftsdynamik grenzenlos. Das Konsumangebot kommt aus demselben Land wie die städtische Energieversorgung. 50-prozentiger Teilhaber der Stadtwerke von Cheb ist die NGW, eine Tochter des Thyssen-Konzerns, Sitz: Duisburg. In der Altstadtkulisse von Cheb bleiben die deutschen Touristen unter sich. Wegen steigender Preise, die für die D-Mark-Besitzer von der anderen Seite der „Euro-Region“ nur Pfennige sind, haben die Tschechen das Nachsehen.

(Bürgermeister Otakar Mika, „Euregio“-Präsident, Cheb.)

Frage: Kann man als Normalverdiener, als tschechischer Normalverdiener in Cheb noch im Restaurant essen?

Mika: Sehr selten. Vielleicht bei einer silbernen oder goldenen Hochzeit... Das kommt nur alle Jubeljahre vor.

Kommentator: Inmitten sozialer Spannungen: die „Euregio“-Zentrale von Cheb. Hier residiert das europäische Regionalbüro gemeinsam mit den deutschen Vertriebenen-Verbänden.

Im von Bonn finanzierten „Euregio“-Haus:

Sprecher: Zweisprachige Wirtschaftswerbung für den deutschen Export und PR-Berichte über deutsche Großkonzerne, die in die Tschechische Republik expandieren ... sowie Nachhilfeunterricht für tschechische Kleinunternehmer ... die Zulieferer von Siemens, Mannesmann oder Thyssen.

Kommentator: In der Bibliothek: rechtsextreme Literatur über die „Rückkehr des deutschen Ostens ... “

Sprecher: „ ... damit aus europäischen Schandflecken wieder üppige Kornkammern werden können. Nur Deutschland ... kann dieses Werk vollbringen.“

Kommentator: Die im „Euregio“-Haus ausliegenden „Stammeszeitschriften“ der deutschen Vertriebenenverbände werben für Theodor Veiter, den Berater der „Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen“.

Sprecher: Der berüchtigte Autor antisemitischer Rassenpropaganda fordert deutsches „Heimatrecht“ in der „Euro-Region“.

Kommentator: Diese europäisch verkleidete „Grenzüberwindung“ löst heftige Reaktionen aus...

(Bürgermeister Otakar Mika, „Euregio“-Präsident, Cheb.)

Frage: Herr Mika, ist es richtig, daß Sie Objekt von Drohungen aus der tschechischen Bevölkerung geworden sind?

Mika: Ja, ich habe solche Drohungen bekommen.

Frage: Welches ist der Inhalt dieser Drohungen?

Mika: Die Absender der Briefe fordern, daß die deutschen Aufschriften im Grenzgebiet entfernt werden sollten. Es sind Bürger, die meinen, daß der deutsche Einfluß überhand nimmt, daß die Tschechen in eine ungleiche Position geraten sind.

(Einblendung: Frankreich.)

Kommentator: 500 Kilometer westlich von Cheb: eine weitere „Euro-Region“... Die Idylle ihrer französischen Landschaft liegt im Vorfeld von Zentren deutscher Großindustrie: Karlsruhe, Rastatt, Gaggenau... Auch im vielfach umkämpften Elsaß sollen Grenzen „überwunden“ werden -durch ein „Europa der Regionen“. In unmittelbarer Grenznähe: das französische Wissembourg, beliebter Ausflugsort deutscher Wochenendurlauber. Die Atmosphäre einer historischen Puppenstube lädt zum Bleiben ein... Dafür gibt es auch andere Gründe: Steuervorteile und billige Immobilien. In Wissembourg, Lauterbourg, Seltz und den übrigen Gebieten der Region kaufen sich Deutsche ein. Ebenso wie auf tschechischem Territorium ist die D-Mark zur zweiten Währung geworden. Deutsche Makler mit Geschäftsadresse im französischen Teil der „Euro-Region“ preisen an...

(Interview mit Immobilienhändler Herkommer Wissembourg.)

Herkommer: Zwischen Weißenburg und Hagenau hab' ich ein ganz tolles Fachwerkhaus, zwei Fachwerkhäuser, in Howiller, nur wenige Kilometer von Karlsruhe, also sehr gut angebunden.

Frage: Wie ist der Preis?

Herkommer: 315.000 Mark.

Frage: Welches sind denn so die letzten größeren Objekte gewesen, die Sie hier verkauft haben in Wissembourg?

Herkommer: Na, wir haben hier eine tolle Anlage, Sankt Paul, erbaut, das sind 36 Eigentumswohnungen am Stadtrand.

Frage: Wieviel davon sind an Deutsche verkauft worden, wieviel an Franzosen?

Herkommer: Wir haben 80 Prozent, zirka 80 Prozent, an Deutsche verkauft und 20 Prozent an Elsässer, beziehungsweise an Franzosen...

Kommentator.' Beziehungsweise Franzosen? Sind Franzosen in der „Euro-Region“ zu Fremden geworden? Liegt Wissembourg in der Einflußzone von Karlsruhe?

Bürgermeister Pierre Bertrand, Wissembourg: Wissembourg befindet sich inmitten der Region „Pamina“, bestehend aus Pfalz, Mittlerem Oberrhein und Nord-Elsaß. Es ist nicht zu leugnen, daß es hier einen starken europäischen Geist gibt mit zahlreichen Projekten, denen wir unseren Stempel aufzudrücken hoffen. Es ist andererseits offensichtlich, daß es auch Schwierigkeiten gibt, z. B. unterschiedliche Gesetze. Eins steht fest: Unsere Identität ist stark französisch, und wir wollen sie bewahren.

Kommentator: Die ökonomische Wirklichkeit bestimmt der Kostenvorteil. Unter diesem Gesichtspunkt hat der französische Teil der „Euro-Region“ Interessantes zu bieten: 30 Prozent weniger Lohn als in Deutschland, längere Wochenarbeitszeiten, geringerer Urlaub. Wie in Tschechien, so auch in Frankreich: die „Euro-Region“ als vorgelagerte Produktionsfläche.

Prof Richard Kleinschmager Strasbourg: Seit den 50er Jahren hat sich die deutsche Wirtschaft zu einer der stärksten in Europa entwickelt. Sie expandiert weiter, und bevorzugt in bestimmten Gebieten, nämlich in der unmittelbaren Nähe des deutschen Territoriums ... im Elsaß, in Dänemark, in Tschechien, in Polen. Dies alles sind Gebiete, über die sich eine gute Kontrolle ausüben läßt, beinahe eine physische Kontrolle der deutschen Investitionen.

Frage: Gibt es auch so etwas wie eine politische Struktur dieser Investitionen?

Kleinschmager: Man sollte sich davor hüten, die Ökonomie für neutral zu halten. Die Wirtschaft ist Interessen unterworfen und das sind nicht nur ökonomische, sondern auch politische Interessen. Wo es wirtschaftliche Vorteile gibt, da glauben gewisse Leute auch, sie könnten ihren alten Träumen von der deutschen Macht über Europa näherkommen.

Frage: Sind denn nach Ihrer Meinung, Herr Professor Kleinschmager, neben den ökonomischen und politischen Eingriffen noch Eingriffe anderer Art zu beobachten?

Kleinschmager: Ich glaube nicht, daß man ein derart bedeutendes Wirtschaftsgeflecht schaffen kann, wie es das deutsche in der Region ist, ohne kulturelle Folgen ...

Die Elsässer fragen sich, welchem Land sie eigentlich angehören. Selbst wenn sie juristisch Franzosen sind, so wird ihre Wirtschaft doch immer mehr von Deutschland bestimmt. Daraus ergeben sich kulturelle Probleme, Auseinandersetzungen, und sie schlagen sich in einer Reihe von Affären nieder, wie dieser hier, in diesem Buch...

Kommentator: In diesem sogenannten „Erlebnisführer“ wird die Idee vom organischen Großraum verbreitet - finanziert aus Mitteln der Europäischen Union.

Sprecher: Grenzen nennt man hier „Narben“. Die wilhelminische Annexion des Elsaß habe „unsere Region“ „wiedervereinigt“. Der NS-Überfall gerät zum namenlosen Krieg.

Kommentator: Der Rhein der Regional-Ideologen scheint durch eine entstaatlichte Landschaft zu fließen, die neu geordnet werden muß.

Bernard Reumaux, Verleger Strasbourg: Das ist eine unglaubliche und höchst symbolische Geschichte. Da gibt die deutsch-französische Region Pamina, die auch aus europäischen Mitteln finanziert wird, eine Broschüre heraus über das Grenzgebiet. Es ist geradezu verrückt, daß man darin lesen kann, daß es der Region eigentlich nur schlecht ging, solange sie französisch war, aber daß sie glücklich erblühte, als hier Deutsche herrschten ... Das ist ein Geschichtsrevisionismus, der alles in Frage stellt, was sich den Menschen hier eingeschrieben hat, das ist ein Skandal!

Frage: Wie interpretieren Sie in diesem Zusammenhang die Ideologie vom „Europa der Regionen“?

Reumaux: Diese Idee ist vielleicht gut gemeint, aber sie ist gefährlich. Sie läßt sich mit den Geschichtstraditionen Frankreichs und vieler anderer Staaten nicht vereinbaren, denn es handelt sich um Zentralstaaten. Wenn es zu einem Europa der Regionen käme, was ich nicht hoffe, würde sich Frankreich in zahllose Minigebiete zersetzen, die von den großen Regionen geschluckt werden würden - von den Regionen auf der anderen Seite des Rheins. Eine solche Entwicklung würde das europäische Gleichgewicht ernsthaft gefährden.

Kommentator: Diese Einschätzung verstärkt der Colmarer Historiker Georges Bischoff - auf eigenen Wunsch vor den Kasematten der Maginot-Linie, der früheren Verteidigungsanlage gegen deutsche Invasionen.

Prof Georges Bischoff, Colmar: In der Idee von den „Euro-Regionen“ werden oft sehr verschiedene Dinge miteinander vermischt, obwohl sie eine ganz unterschiedliche Geschichte haben. Es wird der Mythos einer regionalen Einheit geschaffen, der Mythos angeblich kultureller, sprachlicher und ethnischer Gemeinsamkeiten, die irgendwann früher existiert haben sollen, ... und wie zufällig ist das alles zum Vorteil Deutschlands. Es scheint ganz so, als ob hier alte Dämonen wiedererwachen.

Kommentator: Sind solche Befürchtungen übertrieben? Zeigt diese Straßenszene mit großdeutscher Reichssymbolik - im französischen Hagenau - völlig untypische Verirrungen?

Was wie ein Zufall erscheint, kann Erinnerungen wecken. Hinter Strasbourger Fachwerkfassaden: zahlreiche Deutschtums-Verbände und -Stiftungen, hier die „Goethe-Stiftung“ des Hamburger Industriellen Alfred C. Toepfer.

Sprecher: Toepfer war bereits damals aktiv - als Regionalisierungsspezialist der NS-Besatzer in Frankreich, unter europäischer Tarnung. Zwischen den heutigen Urhebern dieses Autonomie-Plakats und den Organisatoren der „Euro-Region“ bestehen eindeutige Beziehungen ...

Kommentator: Die Autonomisten verfügen über Verbindungen, die bis ins Präsidium jener „Arbeitsgemeinschaft“ reichen, die Grenzen in neuen „Räumen“ ordnen will.

Doch die Idee von der Neuordnung der Räume und den narbigen Grenzen ruft in Frankreich Erinnerungen wach. Erinnerungen an die wirklichen Narben der Geschichte, die entstanden, weil Grenzen verschoben wurden. Erinnerungen, die den Historiker Lionel Boissou gegen das „Europa der Regionen“ einnehmen.

Lionel Boissou, Historiker. Mulhouse: Die Verfechter des Regionalismus und Separatismus schrecken auch vor terroristischen und kriminellen Handlungen nicht zurück. Hier in der Gedenkstätte Struthof haben sie 1976 eine Baracke angezündet. Ihre Absicht war es, die Spuren der Geschichte auszulöschen, die Spuren der NS-Barbarei, um die deutsche Vergangenheit zu rehabilitieren ... In den achtziger Jahren haben sie sogar elsässische Denkmäler gesprengt, die an unseren Widerstand gegen die NS-Besatzer erinnern. Bemerkenswerterweise haben diese Leute die Unterstützung von europäischen Regionalisten erhalten, von Kreisen, die das „Deutschtum“ propagieren. Es ist bewiesen, daß diese „Deutschtums“-Kreise in fortdauernden Beziehungen mit dem deutschen Innenministerium stehen und von dort Geld erhalten. Es handelt sich um dasselbe Ministerium, das mit Regionalisierungsfragen betraut ist, mit Fragen der Regionalisierung Europas.

(Einblendung: Dänemark.)

Kommentator: Auch in Dänemark wecken die deutschen Regionalpläne Erinnerungen. Die „Überwindung der Grenzen“ durch den südlichen Nachbarn endete zweimal in Kriegen. Sie begannen in Schleswig, einer „Euro-Region“, gegen die sich in Dänemark Widerstand regt.

(Polizeiinspektor J Soby Thygesen, Padborg.)

Frage: Herr Thygesen, wie lang ist die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark?

Thygesen: Die Grenze ist etwa 80 Kilometer lang und reicht von Kruso nach Tondern.

Frage: Fürchten Sie Einbußen der dänischen Souveränität?

Thygesen: Ja... Zum Beispiel in Zusammenhang mit der Grenze und dem Schengener Abkommen. Dazu haben wir eine ganze Menge Fragen ... Wie verhält es sich mit der sogenannten „Nacheile“, also mit der Möglichkeit, daß die deutsche Polizei in Dänemark ermitteln darf und wir in Deutschland? Welche Rechtsgrundlagen regeln das zukünftige Asylrecht? Was wird mit unseren Außengrenzen? Wie sollen wir mit Waffen- oder Drogenhandel umgehen? ...Das alles muß geklärt sein, bevor wir zustimmen können...

Frage: Was halten Sie von der „Euro-Region“ Schleswig?

Thygesen: Es wäre besser gewesen, man hätte eine Volksabstimmung durchgeführt

Frage: Werden Sie bei den Demonstrationen in den nächsten Tagen dabei sein?

Thygesen: Wir werden sehen...

Kommentator: Zum Widerstand gegen die „Euro-Region“ geben Immobilien-Geschäfte Anlaß. Wie in Tschechien und Frankreich kaufen Deutsche billige Häuser auf, ohne in Dänemark Steuern zu zahlen. Allein in der kleinen Grenzgemeinde Bov zählt man über 200 Fälle.

(Bürgermeister Jens-Aage Hilmig, Bov)

Frage: Herr Bürgermeister Hilmig, haben Sie die Verluste geschätzt, die Ihrer Gemeinde entstehen?

Hilmig: Ja. Wir kommen auf einen Betrag von etwa dreieinhalb Millionen Kronen im Jahr.

Frage: Was halten Sie von der „Euro-Region“?

Hilmig: Ich befürworte es sehr, wenn die Menschen auf beiden Seiten miteinander sprechen. Aber als gleichwertige Partner und nicht unter Führung des Stärksten.

Kommentator: Die deutsche Stärke beeinflußt Dänemarks Wirtschaft in der „Euro-Region“. Auf dem Energiesektor wird befürchtet, daß es tun deutsche Konkurrenzvorteile geht.

(Interview mit Jan Sörensen, Lehrer Bylderup-Bov.)

Frage: Herr Sörensen, wie hoch ist der dänische Strompreis?

Sörensen: Der dänische Strompreis ist der niedrigste in Europa, der deutsche Strompreis ist der höchste in Europa. Und deshalb schotten die deutschen Energiekonzerne sich von den dänischen Konkurrenten ab, und sie kaufen sich massiv in Dänemark ein, wie die Preussen-Elektra es schon tut.

Frage: Was bedeutet denn auf dem Energiesektor die „Euro-Region“?

Sörensen: Die „Euro-Region“ wird die beschriebene Situation verschärfen und wird die dänische Wirtschaft durch höhere Energiepreise schwächen, und sie wird es undurchsichtig für den Bürger machen.

Sprecher: Sind solche Vorhersagen unrealistisch? Handelt es sich um übertriebene Darstellungen deutschen Wirtschaftseinflusses?

(Interview mit Fleming Meyer Kreistagsabgeordneter Schleswig)

Meyer: Nein, das sind in keiner Weise übertriebene Darstellungen. Ich bin selber Kreistagsabgeordneter, ich sitze im Kreistag Schleswig-Flensburg für die dänische Minderheit als Abgeordneter vom SSW, Und da merken wir das ja immer wieder auch im Täglichen. ... Zum Beispiel gut zusammengewachsene Strukturen, von unten her zusammengewachsene Zusammenarbeiten, hier z. B. die Landwirtschaftsschulen. Das ist zerschlagen worden, weil man von deutscher Seite andere Wünsche hatte. Und da kamen die Wünsche der dänischen Seite gar nicht durch.

Frage: Könnte man sagen: Das sind vielleicht Anfangsschwierigkeiten in einem sogenannten Europa der Regionen?

Meyer: Nein, kann ich so nicht sehen. Da gibt's ja auch so viele Beispiele. Und da muß ich oft an so einen wie Clausewitz denken, der damals eben gesagt hat: Der Krieg ist nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Und ich fasse das im Grunde so auf. Die EU ist doch nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Hier geht es doch ganz klar um Machtinteressen, und das sind eben deutsche Interessen, um die es sich dreht. Und da kann ein kleines Volk wie Dänemark - da kommt das nicht gegen an.

Kommentator: Zu den Verwaltern der „Euro-Region“ gehören die Funktionäre des Bundes deutscher Nordschleswiger. Im dänischen Abenra verfügen sie über eine eigene Tageszeitung, die das deutsche Innenministerium mit Millionen finanziert. Über den Chefredakteur darf gesagt werden, daß er..

Sprecher: ... „unverhohlene Sympathie, ja Bewunderung für (Werner) Best“.. .

Kommentator: ... zeigt - für das Oberhaupt der deutschen Kriegsbesatzer in Dänemark, einen SS-Ideologen und Kämpfer für den „Großwirtschaftsraum Europa“. Als „Ehrenhain“ bezeichnen die europabegeisterten Deutschtums-Funktionäre und Verwalter der „Euro-Region“ eine Gedenkstätte auf dänischem Boden, die sie über 700 Freiwilligen der deutschen Wehrmacht gewidmet haben - darunter zahlreichen Mördern in SS-Uniform... Kein Zeichen der Scham oder Reue für die ermordeten Opfer. Ist das der europäische Geist der künftigen Verwalter in der „Euro-Region“? Wie in Tschechien und Frankreich sind die Deutschtums-Funktionäre auch im Regionalgebiet Schleswig mit Autonomisten und Separatisten vernetzt. Sie fordern die „Zerschlagung der europäischen Nationalstaaten“.

Sprecher: Der Ehrenpräsident dieser Organisation ist zugleich Präsidiumsmitglied der „Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen“. Auch dieses Flensburger Institut ist mit der „Arbeitsgemeinschaft“ in Personalunion verbunden. Im Dezember 1996 erörterte der Direktor die Aufspaltung Frankreichs in Regionalstaaten.

Kommentator: Der Widerstand gegen das Regionalprojekt Schleswig wird vom Sondejyllands-Komitee organisiert, einer kleinen Gruppe süddänischer Bürger ohne Geld und Parteien. Im Haus der Pastorin Britt Tryde Haarlov stößt die „Charta der Euro-Regionen“ samt ihrer Verwischung der politischen Grenzen auf grundsätzliche Ablehnung.

Jens Rosendal, Publizist, Ballum:

Ja, diese Ideologie ist gefährlich. Grenzen werden als „Narben“ dargestellt, als etwas, das man wegoperieren sollte... Aber unsere Grenze hier ist keine Narbe, sondern das Ergebnis einer Mehrheitsentscheidung der Bevölkerung. Es wäre sehr gefährlich, wenn man anfinge, sie zu entfernen oder zu verschieben. Das geht nur um den Preis starker Beunruhigungen. Grenzen gehören zur Geschichte und sie können, wenn überhaupt, dann nur von unten her verschwinden, sozusagen durch Verschleiß im friedlichen Kontakt der Menschen. Sollen sie aber verschoben werden, führt das zu Nervositäten und letztendlich - zu Kriegen.

Kommentator: Weil die Nationalstaaten verschwinden und nur der größte Nationalstaat übrig bleiben könnte, wachsen im Europa der EU Befürchtungen, ja Ängste -insbesondere in den Regionen mit deutschem Grenzkontakt, wie hier, bei den Protesten des Sondejylland-Komitees im Mai 1997.

Sind die dänischen Befürchtungen unbegründet? Sie gleichen den Befürchtungen in Tschechien und in Frankreich. Sind die Gegner eines „Europas der Regionen“ Nationalisten, weil sie sich gegen Übergriffe auf ihr Territorium wehren?

(Pastorin Britt Tryde Haarlov, Kliplev)

Frage: Eine dänische Tageszeitung nennt Sie eine Nationalistin...

Haarlov: Das ist der blanke Unsinn. Ich will mit den Deutschen in guter Nachbarschaft ]eben. Wir demonstrieren für eine freundliche Grenze, aber für eine Grenze, wie wir sie haben, für eine Grenze, wie sie ist...

Kommentator: Brauchen wir eine neue „Raumordnung“, die Europa in Regionen zerlegt und Deutschland die Vorherrschaft sichert? Oder fehlt es an Grenzen -Grenzen, die man der Übermacht setzt?